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Aschot Manutscharjan
Kurz rezensiert

Der Soziologie Harald Welzer gehört zu den meinungsstärksten Autoren in Deutschland. Seine Bücher, in denen er für mehr Autonomie und Freiheit des Menschen wirbt, sind nicht nur zum Lesen da, sie wollen auch gelebt werden. So wie es eine kleine Gruppe Abiturienten und Studierende machte, die Mitte Mai vor einem weltbekannten Konsumtempel in Berlin gegen die verbreitete Wegwerf-Mentalität protestierte.

In seinem neuen streitbaren, aber empfehlenswerten Manifest setzt Welzer seinen Feldzug fort: Dieses Mal kritisiert er das Streben eines staatlich-privatwirtschaftliche Bündnisses nach informationeller Macht. "Diese Formation macht die totale Überwachung von Menschen so perfekt umsetzbar wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit". Alle sozialen Räume würden so taghell ausgeleuchtet, dass es für den Einzelnen kein Entrinnen vor dem Orwell'schen "Großen Bruder" mehr gebe. Die Ansätze, diesen Zustand mit dem Kampf gegen den Terrorismus zu rechtfertigen, bezeichnet er als Überwachungsmarketing.

Welzers Buch begnügt sich nicht mit dem publizistischen Kampf gegen die Macht der Internetkonzerne Apple, Google und Amazon. Er analysiert auch die politische Entwicklung in Deutschland und stellt fest, dass die Medien mehr über die regionalspezifische und rechtspopulistische Pegida-Bewegung berichten, als über die deutlich stärker besuchten Demonstrationen für den demokratischen Rechtsstaat. Auch anderen Rechtspopulisten schenkten die Medien mehr Aufmerksamkeit als der verantwortungsvollen Haltung der demokratischen Mehrheitsgesellschaft.

Wenn man schon das Glück habe, so privilegiert in Freiheit leben zu können wie in Deutschland, sollte man nicht darauf verzichten, sich der smarten Diktatur der Internetkonzerne zu widersetzen, argumentiert Welzer. Alles andere bedeute einen freiwilligen Verzicht auf Freiheit. Diesem Kampf sollten sich die Bürger gemeinsam stellen - und zwar offline.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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