Inhalt

OlympiA-Geschichte
Jutta Braun
Deutsche Spiele

1936 nutzten die Nazis Berlin zur politischen Inszenierung. 1972 sollte München ein heiterer Kontrapunkt zum NS-Spektakel sein. Dann kam der Terror

Es ist ein Signum der Geschichte Olympias im 20. Jahrhundert, dass die Spiele häufig von Forderungen begleitet wurden, die Wettkämpfe aus politischen Gründen zu verlegen, zu boykottieren oder abzusagen. Die Gründe waren unterschiedlicher Natur: So geriet zuweilen der Austragungsort in die Kritik, wie im Fall der Olympischen Spiele 1936: Damals erhob sich im Ausland eine massive Protestwelle gegen eine Abhaltung des Völkerfestes unter dem Hakenkreuz - am Ende vergeblich. Andere Male blieben Nationen den Spielen fern, um auf Ereignisse zu reagieren, die mit dem Gastgeber selbst direkt nichts zu tun hatten: 1956 boykottierten die Niederlande, Spanien und die Schweiz die Sommerspiele 1956 in Melbourne aus Protest gegen die Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands durch die Sowjetunion. Wegen der Suezkrise im selben Jahr verzichteten auch Ägypten, der Irak, Kambodscha und der Libanon auf eine Teilnahme. Zu einem olympischen Showdown der Supermächte USA und UdSSR kam es 1980 mit dem Boykott der Spiele von Moskau durch die Vereinigten Staaten und weiterer Länder einschließlich der Bundesrepublik als Reaktion auf den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan. Prompt folgte 1984 die Retourkutsche eines Boykotts der Spiele von Los Angeles durch den Ostblock.

Die Auseinandersetzungen um die Ausrichtung der Spiele in Berlin vor 80 Jahren nahmen bereits viele Konflikte späterer Spiele vorweg: Hierzu gehört der Ruf nach einem Boykott und dessen Abwendung, aber auch die überaus schwierige Rolle der Athleten zwischen persönlicher sportlicher Ambition und politischer Einflussnahme.

Unter dem Hakenkreuz Auf Olympische Spiele im eigenen Land hatte Deutschland lange gewartet. Die für Berlin angesetzten Spiele von 1916 - die Stadt hatte den Zuschlag schon 1912 vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) erhalten - waren kriegsbedingt entfallen. Nach dem Ersten Weltkrieg erlebten die Deutschen dann eine zwangsweise olympische Abstinenz, da man zu den "Völkerfesten des Sports" 1920 in Antwerpen und 1924 in Paris als "Kriegsschuldiger" nicht eingeladen worden war. Umso größer war die Begeisterung, dass deutsche Athleten in Amsterdam 1928 überraschend den zweiten Rang in der Medaillenwertung hinter den USA erklommen. Denn längst war das Spektakel nicht mehr allein Schauplatz sportlichen Messens, sondern Bühne nationaler Selbstdarstellung. Noch zu Weimarer Zeiten erhielt Deutschland dann die olympischen Weihen: Im April 1931 entschied das IOC, Berlin die Ausrichtung der Spiele für 1936 zu übertragen.

Der folgende Aufstieg der NSDAP löste allerdings Irritation in der IOC-Zentrale aus: So bat dessen Präsident Henri de Baillet-Latour das deutsche IOC-Mitglied Karl Ritter von Halt 1932, sich mit Hitler in Verbindung zu setzen, um herauszufinden, wie sich die Nationalsozialisten zur Durchführung der Spiele stellen würden, sollten sie 1936 an der Regierung sein. Hitler ließ ausrichten, dass er "die Frage der Durchführung mit großem Interesse" betrachte. Das IOC war beruhigt. Im November 1932 traf der Deutsche Olympische Ausschuss letzte Vorbereitungen zur Gründung eines Organisationskomitees, das am 24. Januar 1933 konstituiert wurde - sechs Tage vor Hitlers "Machtergreifung".

Die neuen politischen Verhältnisse in Deutschland alarmierten bald weite Teile der internationalen Öffentlichkeit; eine breite Boykottbewegung mobilisierte sich gegen den Austragungsort: Die Empörung erfasste zahlreiche europäische Länder, vor allem aber die USA. Bereits unmittelbar nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten hatte die jüdische Gemeinde in den USA ein Fernbleiben von den Spielen gefordert. Auch Katholiken und Protestanten, ebenso wie Angehörige der Demokratischen Partei und Gewerkschaften, gingen auf die Straße. Die schwarze Bevölkerung war in dieser Frage gespalten: Durften schwarze Sportler in einem sich offen rassistisch gebärenden Land starten? Auf der anderen Seite: Wurden Schwarze nicht auch in den USA diskriminiert? Noch im November 1935 sprach sich der spätere Star der Spiele, der farbige Sprinter Jesse Owens, gegen eine Teilnahme in Berlin aus. Den USA als wichtigste und größte Sportnation kam dabei besonderes Gewicht zu: Fehlten sie in Berlin, würden auch andere Staaten wegbleiben.

Zur Beschwichtigung der Weltöffentlichkeit gaben deutsche Sportpolitiker schließlich die Erklärung gegenüber dem IOC ab, dass Juden nicht aus der deutschen Olympiamannschaft ausgeschlossen sein würden. Doch traute das American Olympic Committee den wohlfeilen Zusagen nicht recht und entsandte seinen Präsidenten Avery Brundage zu einer "fact-finding-tour" zur Situation des jüdischen Sports nach Deutschland. Freilich hatte die Mission den Geburtsfehler, dass Brundage als dezidierter Befürworter der Spiele in der Reichshauptstadt galt. Klagen jüdischer Sportvertreter beeindruckten ihn wenig. So entgegnete er auf die Vorhaltung, dass Juden vielerorts aus deutschen Sportvereinen ausgeschlossen wurden: "In my club in Chicago Jews are not permitted either"'- "In meinem Club in Chicago sind Juden auch nicht zugelassen".

»Alibijuden« Brundages entlastender Bericht beruhigte zunächst den US-Sport, doch war damit die Boykottbewegung nicht zum Erliegen gekommen. Daher verfielen IOC und deutsche Sportführung darauf, zwei "Alibijuden" für das deutsche Team zu nominieren: die Hochspringerin Gretel Bergmann und die Fechterin Helene Mayer. Beide lebten bereits in der Emigration und ließen sich dennoch vom NS-Regime überzeugen, für das deutsche Team zu starten, verständlicherweise beseelt von dem Wunsch, olympische Auszeichnungen zu erringen. Besonders warb die deutsche Sportführung um Helene Mayer, die 1928 als Fechterin für Deutschland eine Goldmedaille errungen hatte und mittlerweile auch in ihrer Wahlheimat USA ein Sportstar und US-Meisterin im Florettfechten war. Als die in NS-Sicht als "Halbjüdin" geltende Helene Mayer zusagte, wurde die "Volljüdin" Bergmann fallengelassen und mit einem Vorwand zwei Wochen vor Beginn der Spiele aus dem Olympiakader herausgenommen. Bis heute hat die Sportlerin, die, inzwischen 102 Jahre alt, in New York lebt, diesen Betrug nicht vergessen. Helene Mayer hingegen errang in Berlin eine Silbermedaille - ein Auftritt, der ihr die Kritik einiger Zeitgenossen eintrug, so etwa des Romanisten Victor Klemperer, der in sein Tagebuch schrieb, er wisse nicht, "wo die größere Schamlosigkeit liegt, in ihrem Auftreten als Deutsche des Dritten Reiches oder darin, dass ihre Leistung für das Dritte Reich in Anspruch genommen wird".

Wie eng und tragisch persönliche Ambition und weltpolitische Läufte verstrickt sein können, macht auch das Beispiel der jüdischen Schwimmerinnen Judith Deutsch, Ruth Langer und Lucie Goldner deutlich. Aus eigenem Antrieb verweigerten sie eine Teilnahme in Berlin aus Gewissensgründen und verzichteten damit auf einen Höhepunkt ihrer Karrieren. Doch wurde diese persönliche Entscheidung vom Schwimmverband Österreichs streng geahndet: Es erfolgte eine Sperre und die Aberkennung aller Titel als Strafe für den Nichtantritt. Erst Mitte der 1990er Jahre wurden sie vom österreichischen Sport völlig rehabilitiert.

Als »heiter« konzipiert Als expliziter Kontrapunkt zum NS-Massenspektakel waren die Spiele von 1972 in München konzipiert. Olympia galt auch für die Bundesrepublik als Aushängeschild, fast 200 Millionen D-Mark Entwicklungshilfe stellte Bonn in Aussicht, um sich die Stimmen afrikanischer Staaten bei der Vergabe an München gewogen zu machen. Dass es nicht allein um Sport ging, stellte Außenminister Walter Scheel (FDP) klar: Ziel sei es, das "Bild des modernen Deutschland mit allen seinen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aspekten zu vermitteln". Die bewusst als "heitere" Spiele konzipierte Veranstaltung vermittelte diese Botschaft bereits durch ihr Design: Es dominierten Orange, Grün und Blau - in absichtlicher Abgrenzung zum schwarz-rot-weißen Fahnenmeer der NS-Diktatur, das die Spiele in Berlin geprägt hatte.

Dagegen zog die DDR gegen das Sportereignis in München mit der hämischen Parole "2 mal 36 =72" zu Felde. Dabei war sie es selbst, die alle Register einer Sportdiktatur zog: In Sorge vor möglichen "Republikfluchten" ostdeutscher Athleten in München hatte die Stasi einen Isolierstützpunkt inklusive Transportkiste eingerichtet. Im Falle eines Fluchtversuchs aus der DDR-Mannschaft sollte der von der Stasi festgesetzte Abtrünnige darin diskret in die DDR zurückgeschafft werden.

Die Geiselnahme Während dieses Planspiel nicht zum Einsatz kam, erwartete die israelischen Sportler ein Schreckensszenario: Nach einer Geiselnahme durch palästinensische Terroristen endete ein Befreiungsversuch durch deutsche Sicherheitskräfte in Fürstenfeldbruck tödlich, alle neun Geiseln kamen ums Leben. Nun erlebten auch die "heiteren" Spiele von München den Ruf nach einem Abbruch, aus Pietät gegenüber den Opfern. Avery Brundage, mittlerweile IOC-Präsident, verfügte dagegen mit dem legendären Satz "The Games must go on" die Fortsetzung des olympischen Geschehens als Zeichen, sich nicht dem Terror zu beugen.

Bis heute stößt diese Entscheidung auf Kritik: "Kein Mensch, der ein Herz im Leib hat, wird die vereiste Seelenlosigkeit des IOC in dieser Frage jemals billigen können", erklärte 2012 der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann. München 1972, das so gerne aus dem Schatten der politischen Instrumentalisierung des Jahres 1936 herausgetreten wäre, ist mittlerweile seinerseits ein Fluchtpunkt tragischer und kontroverser Erinnerungen.

Die Autorin ist Vorsitzende des Zentrums deutsche Sportgeschichte Berlin-Brandenburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag