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Kalter Krieg
Jutta Braun
Sputnik-Schock im Wettstreit der Systeme

Beim Medaillenspiegel ließ die DDR die Bundesrepublik stets hinter sich

Die Olympischen Spiele galten im Kalten Krieg als Schauplatz des Systemkampfes par excellence. Hatte die Sowjetführung zunächst das Internationale Olympische Komitee (IOC) als reaktionäre Clique verachtet und eine Gegenbewegung sozialistischer Körperkultur zelebriert, erkannte Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg die enorme Öffentlichkeitswirkung des sportlichen Spektakels unter den olympischen Ringen. So betrat die Sowjetunion die olympische Arena unter der Maßgabe, einen sportlichen Stellvertreterkrieg gegen den "Imperialismus" zu führen und zu gewinnen - wie in ihrem Gefolge auch die DDR.

Der Wettbewerb mit dem "anderen Deutschland" bildete für beide Teile Deutschlands einen zusätzlichen Antrieb des Erfolgsstrebens. Für die DDR, im Systemvergleich mit der Bundesrepublik ansonsten der notorische Verlierer, bedeutete dies eine außergewöhnliche Chance der Selbstdarstellung: 755 olympische Medaillen vermochte das Land mit nur 17 Millionen Einwohnern in 40 Jahren Sportgeschichte aufzuhäufen.

Dabei war es der Bundesrepublik bei den Spielen von 1952 noch gelungen, als einzige deutsche Vertretung an den Start zu gehen, während die DDR mit olympischen Anerkennungsproblemen kämpfte. Auf Geheiß des IOC mussten beide Seiten jedoch seit den Spielen von 1956 eine gesamtdeutsche Olympiamannschaft stellen. Dabei trachteten Bundesrepublik wie DDR danach, die höhere Zahl der Olympiateilnehmer zu stellen. In den Mannschaftssportarten wetteiferten Teams aus Ost und West in Ausscheidungskämpfen darum, bei Olympia ganz Deutschland zu vertreten.

Fußball ohne Zuschauer Die politischen Spannungen führten hierbei zu skurrilen Episoden wie dem ersten Aufeinandertreffen zweier deutscher Fußball-Nationalmannschaften - ohne Zuschauer im Stadion. Am 16. September 1959 kämpften im Ost-Berliner Walter-Ulbricht-Stadion die Bundesrepublik und die DDR um ein Ticket für die Olympischen Spiele 1960 in Rom. Die Atmosphäre war frostig, bis zuletzt wurde der Austragungsort geheim gehalten, ähnlich verlief das Rückspiel im Düsseldorfer Rheinstadion. Am Ende setzte die Elf von Sepp Herberger sich durch, scheiterte jedoch als gesamtdeutsche Vertretung in der weiteren Qualifikation. Doch nicht allein derartige "Geisterspiele" drückten auf die Stimmung. Wiederholte "Republikfluchten" von DDR-Sportlern verschärften die Sicherheitshysterie des SED-Staates. 1965 wurde die unglückliche sportliche Ehe durch die endgültige olympische Anerkennung der DDR geschieden; DDR und Bundesrepublik wetteiferten nun getrennt um olympische Auszeichnungen.

Prompt erlebte die Bundesrepublik einen "Sputnik-Schock" im Sport, als sie bei den Sommerspielen von 1968 hinter der DDR landete. Auch danach blieb die DDR bei jedem olympischen Kräftemessen der Bundesrepublik in der sportlichen Bilanz überlegen. Bei den Sommerspielen 1976 gelang es ihr gar, erstmals auch die USA in der Medaillenbilanz hinter sich zu lassen; bei Winterspielen 1984 kam sie erstmals auf Platz eins der Medaillenliste - noch vor der Sowjetunion, was in Moskau nicht für uneingeschränkte Begeisterung sorgte.

Zu den Ursachen dieses Erfolgs zählten vor allem die enorme staatliche Alimentierung des Leistungssports und das hohe Ausmaß an Hauptamtlichkeit bei Trainern und Betreuern. Zudem hatte die DDR im Vorfeld der Spiele von München 1972 einen besonderen Rationalisierungsschub eingeleitet: Seit 1969 wurden nur noch medaillenintensive Sportarten besonders gefördert. Die bundesdeutsche Sportpolitik suchte bestimmte Formen des Sportwunders DDR zu imitieren, etwa die Förderung der Sportwissenschaft, doch hinter manche Rätsel wie die Funktionsweise der Kinder- und Jugendsportschulen kam sie nie. Geflüchtete DDR-Sportmediziner hingegen mit Doping-Kenntnissen "von drüben" wurden ins westdeutsche Sportgefüge integriert.

Die ersten Spiele nach den Kalten Krieg in Albertville 1992 wurden als sportlicher "Vereinigungsgewinn" für die Bundesrepublik bewertet. Erstmals errang sie Platz eins der Nationenwertung - woran ostdeutsche Athleten entscheidenden Anteil hatten. Bereits früh forderten bundesdeutsche Politiker den Erhalt einiger Bausteine des DDR-Leistungssportsystems. Eine grundsätzliche Förderung des Spitzensports steht auch im vereinten Deutschland außer Frage. Das Ziel eines humanen Leistungssports ändert nichts daran, dass Medaillen die entscheidende Münze im Sportsystem sind. Auch das vereinte Deutschland folgt der Logik, dass erfolgreicher Spitzensport die Leistungsfähigkeit des gesamten Gemeinwesens spiegele - obgleich gerade in dieser Hinsicht die DDR-Erfahrung eine gänzlich andere Lehre erteilt hat.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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