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INTEGRATION
Jan Tölva
»Bei uns zählt der Mensch und nicht die Herkunft«

Wie Berliner Migrantenvereine rassistischen und antisemitischen Beschimpfungen trotzen

Auf den Trikots der Spieler des Kreuzberger Fußballvereins BSV AL-Dersimspor stehen die Namen von Clubs wie Besiktas und Fenerbahçe, von Barcelona, Real Madrid und Hertha BSC, die Spieler sprechen einen wilden Mix aus Deutsch und Türkisch. Heute trainieren die ersten beiden Mannschaften, am Spielfeldrand steht Kasim Emre mit wachsamem Auge. Emre ist Geschäftsführer des Berliner Clubs, der sich seit seiner Gründung im Jahre 1993 für die sportliche, soziale und kulturelle Integration von Menschen mit Migrationshintergrund engagiert. Doch das stößt nicht überall auf Gegenliebe, wie Emre berichtet: "Außer in Leipzig war es eigentlich überall schlimm, wo wir hingekommen sind. Was wir alles zu hören bekommen haben, möchte ich nicht wiederholen."

AL-Dersimspor versteht sich ausdrücklich als alevitischer Verein. Etwa 70 Prozent der Mitglieder gehören der religiösen Gemeinschaft an, die vor allem im Osten der Türkei beheimatet ist. Der Rest ist bunt gemischt, wobei ein Großteil familiäre Wurzeln in der Türkei hat. Emre findet es gut, dass in seinem Verein verschiedenste Menschen aufeinander treffen. "Bei uns zählt der Mensch und nicht die Herkunft", sagt er. Aber er weiß auch, dass manche Menschen das anders sehen. Immer wieder kommt zu rassistischen Beschimpfungen, vor allem bei Auswärtsspielen und Spielen der ersten Herren.

Drohende Strafen Beim Berliner Fußball-Verband ist das Problem bekannt. 2010 führte er strikte Regeln in Bezug auf Diskriminierung ein. Verhalten sich Spieler, Offizielle oder Zuschauer diskriminierend, können nicht nur sie, sondern auch der Verein bestraft werden. Beim ersten Vorfall gibt es drei Punkte Strafe, im Wiederholungsfall sechs. Beim dritten Mal droht der Mannschaft der Zwangsabstieg. Trotzdem gab es in der vergangenen Spielzeit nur 88 Spielabbrüche, die Hälfte davon in der Jugend. Auch wenn das nach viel klingt - gemessen an den 34.000 Spielen, die in Berlin jede Saison ausgetragen werden, ist diese Zahl verschwindend gering.

Trotzdem verbergen sich hinter den Zahlen zum Teil schockierende Vorfälle. Im Oktober vergangenen Jahres etwa wurde Spielern der dritten Elf des jüdisch geprägten Vereins TuS Makkabi bei einem Spiel in Neukölln von Gegenspielern gedroht, man "werde jetzt die Messer rausholen". Wenige Wochen zuvor war es bei einem Spiel im Wedding gleich mehrfach zu antisemitischen Beleidigungen und sogar körperlichen Angriffen gekommen. Beide Spiele wurden abgebrochen.

"Ich habe davon damals in der Zeitung gelesen", erzählt Karim Khan, der im Freizeitteam von Türkiyemspor Berlin spielt; er ist der wohl bekannteste und erfolgreichste Migrantenverein der Bundesrepublik und selbst immer wieder rechtsextremen und rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. "Wir haben in der Mannschaft darüber gesprochen und schnell beschlossen, dass wir da was machen wollen", berichtet Khan. Der Club ist auf Makkabi zugegangen und verabredete für Februar ein Freundschaftsspiel. Dass es mit 7:1 für Türkiyemspor sportlich eher einseitig verlief, war dabei nebensächlich. "Wichtig war, dass die Spieler sich gefreut haben", erzählt Kahn. Und sein Mitspieler Johannes Roeder fügt lachend hinzu: "Und die hatten mehr Türken auf dem Platz als wir!"

Bemerkenswert ist es schon, dass ein Team mit türkischem Namen zu ganz überwiegenden Teilen mit Spielern ohne türkischen Hintergrund aufläuft. Das hat schon oft für Verwirrung gesorgt. "Bei einem Spiel im Nordosten von Berlin standen ein paar Rechte mit Thor-Steinar-Klamotten am Spielfeldrand. 'Warum spielt ihr als Deutsche für einen Türkenverein?', haben die gefragt", erinnert sich Kahn. Und Falko Grothe, der Mannschaftsverantwortliche erzählt, wie ein Kind bei einem Spiel der zweiten Mannschaft in Hellersdorf fragte, warum so viele Deutsche bei Türkiyemspor spielen. Eine Frau habe geantwortet: "Das sind keine Deutschen, das sind Verräter."

Bunt gemischt Bei Türkiyemspor sind derzeit 463 Berlinerinnen und Berliner aus über 30 Nationen in 21 Mannschaften aktiv, das Logo des Vereins zieren ein Berliner Bär und ein Halbmond. Der Verein ist seit Jahrzehnten in Berlin-Kreuzberg zu Hause genauso wie der AL-Dersimspor. Dennoch werden die Mitglieder oft argwöhnisch beäugt und angefeindet. Die Spieler versuchen es mit Humor zu nehmen. So auch Dersimspor-Geschäftführer Emre: "Ich arbeite seit 20 Jahren bei der Deutschen Post. Viel integrierter geht doch gar nicht."

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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