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Historie
Claudia Wessling
Traum und Albtraum

Deutschlands Weg in die zivile Nutzung der Atomenergie

Als Dwight D. Eisenhower am 8. Dezember 1953 vor die UN-Vollversammlung tritt, hat er ein klares Ziel: Nach den Atombomben-Explosionen von Hiroshima und Nagasaki, die in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs hunderttausende Menschen getötet haben, will der US-Präsident die Atomforschung wieder ankurbeln. "Atoms for Peace" haben die Werbestrategen des Weißen Hauses die Vision getauft, mit der Eisenhower die Atomkraft zum "Segen" für die Menschheit stilisiert. Schon seit Jahren forschen die USA da bereits an Möglichkeiten zur friedlichen Nutzung der Technologie: 1951 bringt ein geheimer Forschungsreaktor in Idaho Falls immerhin vier Glühbirnen zum Leuchten.

Viele Atomphysiker sehen wieder eine Perspektive für ihre Forschung, auch in der jungen Bundesrepublik. Vor allem Werner Heisenberg, "Mentor der deutschen Kernphysik", setzt sich hierzulande für die friedliche Atomforschung ein. Nach der heftigen Kritik an deutschen Atomwissenschaftlern im Zuge des Manhattan-Projekts, das die verheerende Bomben-Technologie hervorbrachte, will er ein deutsches Erbe retten. Schließlich war ein zentrales Experiment in Deutschland abgelaufen: Otto Hahn und sein Assistent Fritz Straßmann hatten 1938 im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin Uransalz mit Neutronen beschossen. Hahns jüdische Mitarbeiterin Lise Meitner führte aus dem schwedischen Exil heraus die Beweisführung für die Spaltung eines Uranatoms.

Umtriebiger Netzwerker Ein gutes Jahrzehnt später wirbt der umtriebige Netzwerker Heisenberg in Wirtschaft und Politik für die Atomforschung, obwohl ein Gesetz des Alliierten Kontrollrats der Bundesrepublik noch untersagt, Reaktoren zu bauen oder Uran zu verarbeiten. Als die Bundesrepublik 1955 Souveränität erlangt, ist der Weg frei für das "Goldene Atomzeitalter": Unter Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) entsteht das Atomministerium, Vorläufer des heutigen Bildungs- und Forschungsministeriums, mit Franz Josef Strauß (CSU) an der Spitze. Er sei "persönlich der Überzeugung", dass die Ausnutzung der Atomenergie für wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Zwecke "denselben Einschnitt in der Menschheitsgeschichte bedeutet wie die Erfindung des Feuers für die primitiven Menschen", lässt er sich zum Amtsantritt 1955 vernehmen.

Zeitgleich schlägt auch die DDR den Weg in das Atomzeitalter ein. Ein Abkommen mit der Sowjetunion wird geschlossen; im Herbst 1955 fassen Politbüro und Ministerrat einen Beschluss zur friedlichen Nutzung der Kernenergie.

Atom-Begeisterung liegt in der Luft: In Hamburg, Jülich, Geesthacht, Berlin und Karlsruhe eröffnen 1956 die ersten Kernforschungszentren; im selben Jahr startet in Dresden-Rossendorf das spätere DDR-Zentralinstitut für Kernforschung. 1957 geht das sogenannte Atom-Ei, Deutschlands erster Forschungsreaktor an der TU München in Betrieb, nur wenige Wochen vor dem Rossendorfer Forschungsreaktor der DDR. Intellektuelle wie der Philosoph Ernst Bloch schwärmen von den Verheißungen der Technologie: "Einige hundert Pfund Uranium würden ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordamerika, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln", schreibt Bloch 1959. Die SPD jener Zeit sieht in der Kernkraft das Potenzial einer zweiten industriellen Revolution. Diese könne zu einem "Segen für Hunderte von Millionen Menschen werden, die noch im Schatten leben", heißt es im 1956 auf einem Parteitag beschlossenen "Atomplan".

Wo Fortschrittsenthusiasten die Lösung aller Energie- und Armutsprobleme im Blick hatten, denken Adenauer und Strauß in den 1950er Jahren auch die militärische Dimension mit - sehr zum Unmut der Wissenschaftler-Gemeinde um Heisenberg. Als Adenauer 1957 andeutet, die Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen auszurüsten, geht dies 18 angesehenen Atomforschern, darunter die Nobelpreisträger Otto Hahn und Max Born, zu weit. In der "Göttinger Erklärung" warnen sie vor der "lebensausrottenden Wirkung" von Atomwaffen. Die Erklärung sorgt für derartige Aufregung, dass Adenauer sich gezwungen sieht, öffentlich den Verzicht auf solche Waffen zu verkünden.

Was die zivile Nutzung der Atomenergie angeht, bleibt Strauß abwartend: Er besichtigt Atomanlagen in den USA und stellt danach fest, die Technik werde dort nicht "in nennenswerter Weise" wirtschaftlich nutzbar gemacht. Angesichts absehbarer wissenschaftlicher Fehlentwicklungen könne sich die Bundesrepublik als Spätkommer Verluste ersparen. Strauß' Haltung habe "in krassem Widerspruch" gestanden zu der vom Heisenberg-Kreis ausgehenden "Wettlaufpsychose", nach der die in der Atomforschung um mehr als zehn Jahre zurückgefallenen Deutschen dringend eigene Reaktoren bauen sollten, kommentieren der Historiker Joachim Radkau und der Physiker Lothar Hahn in ihrem Werk "Aufstieg und Fall der Deutschen Atomindustrie". Darin zeigen sie, dass wegen unterschiedlicher Interessen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft der Weg der Bundesrepublik in die Atomkraft keineswegs gradlinig verlief.

Hemmschuh Energiewirtschaft Im 1957 beschlossenen 500-Megawatt-Programm visiert die Bundesregierung bis 1965 Ausgaben von 800 bis 1.100 Millionen D-Mark für die Entwicklung der Atomtechnik an. Uneinigkeit herrscht über das technische Vorgehen: Auf welche Brennstoffe will die Republik setzen? Auf Natur-Uran oder angereichertes Uran, das importiert werden muss? Sollen Leichtwasser- oder Schwerwasser-Reaktoren oder Schnelle Brüter auf Plutoniumbasis gebaut werden? Welche Reaktorgröße muss angepeilt werden? In den kommenden Jahrzehnten wird man sich hier auf keine einheitliche Linie einigen, sondern in verschiedene Richtungen experimentieren.

1961 speist das Atomkraftwerk Kahl am Main im Westen Bayerns den ersten Atomstrom in die Netze. Die Leistung ist mit 15 Megawatt noch minimal. Größter Hemmschuh für den Eintritt der Bundesrepublik ins Atomzeitalter ist in den 1950er Jahren just die Energiewirtschaft, die später Milliarden an der Technologie verdienen wird. Unternehmen wie RWE sehen in Zeiten, in denen fossile Energieträger reichlich vorhanden sind, keinen Anlass, sich für den teuren Betrieb und die Risiken der Atomanlagen in die Pflicht nehmen zu lassen.

Adenauer-Nachfolger Ludwig Erhard aber ist ein großer Fan der Technologie, schwärmt von superbilligem Strom und "blühenden Industrielandschaften" mit hunderttausenden Jobs. Dem als Vater der Marktwirtschaft gerühmten CDU-Politiker ist die Atomtechnik kräftige Subventionen wert - und so werden die Energiekonzerne schließlich vom Mitmachen überzeugt: Seit 1963 fließen über das unter Erhards Kanzlerschaft aufgesetzte Atomprogramm 3,8 Milliarden D-Mark in Forschung, Entwicklung und Bau von Prototypen.

Die erste größere Atomanlage im bayerischen Gundremmingen geht 1966 ans Netz, nach RWE-Angaben einige Zeit das leistungsstärkste Kernkraftwerk der Welt. Im selben Jahr nimmt ein von der Sowjetunion exportierter Atommeiler in Rheinsberg nördlich von Berlin den Betrieb auf, dem in der DDR trotz weiterreichender Pläne nur noch 1973 eine deutlich leistungsstärkere Anlage bei Greifswald folgt.

Im Westen gehen nach Gundremmigen 1968 Kraftwerke in Lingen und Obrigheim in Betrieb. Verflogen ist die Skepsis bei den Stromkonzernen - dank großzügiger staatlicher Kredite oder Zuschüssen beim Bau. Unter anderem begrenzt der Staat die Haftung der Betreiber bei Atomunfällen auf die viel zu geringe Summe von 500 Millionen D-Mark. Sogar beim Export wird der Industrie geholfen: Insgesamt etwa 300 Millionen D-Mark an Hermes-Bürgschaften und anderen Krediten fließen laut Radkau und Hahn in den Bau eines Schwerwasserreaktors, den Argentinien 1968 bei Siemens bestellt. Dieser sei "bis zum letzten Pfennig" vom deutschen Steuerzahler finanziert worden, bemerken die Experten.

Im Inland kommt der eigentliche Durchbruch für die Atomkraft in der Bundesrepublik Anfang der 1970er Jahre mit der Inbetriebnahme von Großkraftwerken wie Stade und Würgassen. Die 1973 voll durchschlagende Ölkrise bringt weiteren Schwung: Die Konzerne planen immer leistungsstärkere Reaktoren mit bis zu 1.300 Megawatt Leistung. Die sozialliberale Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) kündigt an, bis 1985 40 neue Atommeiler zu bauen.

Risse im schönen Bild Doch in dieser Zeit bekommt das Bild von der schönen neuen Atomwelt auch ernsthafte Risse: Nach einem tödlichen Unfall wird Block A von Gundremmingen zurückgebaut, zahlreiche weitere Störfälle beunruhigen die Öffentlichkeit. 1975 verhindern besorgte Bürger im badischen Wyhl den Bau eines Atomkraftwerks - die Proteste gelten als eine Keimzelle der Grünen. (siehe auch Seite 7) In den folgenden Jahren wächst in der Bundesrepublik der Widerstand, auch angesichts der Probleme mit der Atommüll-Lagerung. Schüler tragen "Atomkraft? Nein Danke"-Sticker, Demonstranten protestieren in Gorleben und Wackersdorf oder ketten sich im Widerstand gegen Atommüll-Transporte an Gleisen - und der Super-Gau von Tschernobyl 1986 gibt den Skeptikern recht.

Das Aus für die Kernkraft kommt aber zunächst nur im Osten mit dem Ende der DDR, wo bei Stendal das größte deutsche Atomkraftwerk in Bau ist, aber als Investitionsruine endet. Für Gesamtdeutschland verkündet Kanzlerin Angela Merkel (CDU) erst 2011, nach der Katastrophe von Fukushima, die Abkehr von der Technologie und nimmt damit eine kurz zuvor beschlossene Laufzeitverlängerung zurück, mit der ihre schwarz-gelbe Koalition den rot-grünen Atomausstieg von 2001 noch aufgeweicht hatte.

Die Autorin arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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