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Interview
Susanne Güsten
»Müssen Differenzen umschiffen«

Die Türkei bleibt von zentraler Bedeutung, meint Nahost-Expertin Andrea Taylor

Frau Taylor, zeigen die türkischen Reaktionen in Richtung Washington nach dem Putschversuch vom Juli, dass sich beide Länder auseinandergelebt haben?

Es ist nie klug, sich auf eine einzige Regierung in einer Region zu verlassen. Die Entwicklung zeigt, wie nötig es ist, sich auch andere Akteure in der Region anzuschauen. Die US-Regierung wurde vom Ausmaß der Anschuldigungen aus der Türkei überrascht. Doch unabhängig davon, ob die USA damit einverstanden sind, was die türkische Regierung gerade tut, bleibt die Türkei von zentraler Bedeutung. Natürlich gibt es diverse Mächte in der Region, aber wir können uns nicht von der Türkei abwenden. Es bleibt wichtig für beide Seiten, nach Gemeinsamkeiten Ausschau zu halten und Differenzen zu umschiffen.

Warum setzen die USA beim Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) in Nord-Syrien so sehr auf die dortigen Kurden, obwohl die Türkei diese als potenzielle Bedrohung ansieht?

Das Verhältnis zu den Kurden baut auf gegenseitigen Nutzen auf. Die Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und den Kurden reicht zurück bis zur Belagerung der nordsyrischen Stadt Kobani. Die Kurden waren zum Kampf gegen den IS bereit, als die Türkei dazu noch nicht bereit war. Allerdings haben die Kurden zuletzt den Bogen etwas überspannt, indem sie den Euphrates Richtung Westen überquerten. Die USA sind auch nicht unbedingt für die Entstehung eines Kurdenstaates in Nord-Syrien, denn der Verbündete Türkei will dies nicht.

Was bedeutet der türkische Einmarsch nach Syrien?

Zunächst einmal haben die Türken demonstriert, dass eine professionelle, gut ausgerüstete und motivierte Armee in Syrien einiges ausrichten kann. Die Türken haben den USA damit gezeigt, dass es auch andere Optionen gibt. Nach dem Putschversuch gab es Zweifel an der Einatzfähigkeit der türkischen Armee. Nun sagt die Türkei mit dem Einmarsch: Ja, wir sind zu Militäroperationen in der Lage, wenn wir diese für angebracht halten. Die USA wurden sehr spät über die Intervention informiert.

Wie wird es weitergehen mit dem türkischen Syrien-Einsatz?

Mögliche weitere Vorstöße ins Landesinnere dürften schwieriger werden. Wenn man sich beispielsweise die Stadt Al Bab (etwa 30 Kilometer südlich der türkischen Grenze, d.Red.) anschaut: Das ist dicht besiedeltes Gebiet, da kann man nicht einfach mit Panzern durchrollen.

Andrea Taylor ist Nahost-Expertin beim Atlantic Council in Washington. Das nach dem ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten benannte Zentrum befasst sich mit Nahost-Fragen und dem politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandel in der Region.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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