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FILMERBE
Katharina Dockhorn
Klassiker in Not

Es soll digitalisiert und für die Nachwelt erhalten werden. Doch bislang fehlt es am benötigten Geld

Nie wieder wollen wir aufeinander schießen", schworen französische und deutsche Bergbauarbeiter 13 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs in Georg Wilhelm Pabsts Film "Kameradschaft". Das Drama um die Rettung von verschütteten Kumpeln atmet die Atmosphäre jener Ära, dokumentiert das Leben der Arbeiter und gilt als künstlerisches Meisterwerk.

Der Film erstrahlt durch die vom Bund geförderte Digitalisierung in neuem Glanz. Mit einer Million Euro unterstützt Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) seit 2013 die Sicherung des deutschen Filmerbes. Auch für 2017 ist dieser Betrag im Bundeshaushalt eingeplant. Kulturpolitiker wie Burkhard Blienert (SPD) und Marco Wanderwitz (CDU) werben derzeit bei den Mitgliedern des Haushaltsausschuss ihrer Fraktionen, die Million zu verdoppeln und weitere 1,4 Millionen Euro unter Vorbehalt einzustellen.

Hinterlegungspflicht Das von Grütters als "Jahrhunderaufgabe" bezeichnete Unterfangen der Digitalisierung kostet nach einem Gutachten von Wirtschaftsprüfern rund 474 Millionen Euro. Berücksichtigt sind dabei die Bestände der sechs Archive des Kinemathekenverbunds. Doch keiner weiß, welche Schätze bei Filmemachern noch lagern. Im Gegensatz zur DDR überließ die alte Bundesrepublik den Produzenten die Aufbewahrung. Im vereinten Deutschland wurde die Hinterlegung einer Kopie im Archiv erst 2004 zur Pflicht - allerdings nur für geförderte Filme.

Um die Kosten zu schultern, schlägt die Linksfraktion in einem Antrag (18/8888) einen Digitalisierungs-Soli vor: Fünf Cent sollten von jeder verkauften Kinoeintrittskarte an die Filmförderungsanstalt (FFA) fließen, die sie an Rechteinhaber und Archive ausschüttet. Die Einnahmen lägen bei mindestens zehn Millionen Euro. Doch Peter Dinges, Vorstand der FFA, ist skeptisch. Er fürchtet Klagen wegen der fehlenden Gruppennützigkeit.

Bundesregierung, Bundesländer und die Filmwirtschaft setzen auf ein Bündnis für das Filmerbe. Zehn Millionen Euro sollen jährlich über einen Zeitraum von zehn Jahren für die Digitalisierung bereit stehen. Jeder Partner soll ein Drittel der Gelder aufbringen. "Anschließend wissen wir, wie wir mit dem Rest der Bestände umgehen", sagte Rainer Rother, Direktor der Stiftung Deutsche Kinemathek, in einer öffentlichen Anhörung des Kulturausschusses über den Antrag der Linksfraktion in der vergangenen Woche. Denn nur ein Fünftel des Filmerbes wird nach Auslaufen des Programms ins digitale Zeitalter gerettet sein. Die Experten sprechen vom Arche Noah-Prinzip.

Frage des Formats Von den Ländern haben bislang Berlin und Brandenburg ihren Anteil bereitgestellt. Sie förderten im vergangenen Jahr Digitalisierungen mit 450.000 Euro, darunter Wim Wenders "Der Himmel über Berlin". Die Filmförderungsanstalt unterstützt solche Vorhaben seit 2012 mit einer Million Euro im Jahr, 2016 hat sie auf zwei Millionen aufgestockt. 15.000 Euro stehen je Film für eine Sicherung im 2K-Format bereit. Doch dieses Format stellte Alice Brauner, Tochter von Produzentenlegende Artur Brauner, in Frage. Aus Anlass des 70. Jubiläums der von ihrem Vater gegründeten Produktionsgesellschaft CCC hatte sie 2016 die brillante Fassung des Filmklassikers "Es geschah am helllichten Tag" mit Heinz Rühmann im Format 4K Ultra HD präsentiert, die 25.000 Euro kostete. "Doch ohne diesen Standard ist eine kommerzielle Auswertung kaum möglich", erläuterte sie.

Brauner forderte die öffentlich-rechtlichen Sender auf, das filmische Erbe stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Deren Zurückhaltung trifft alle Produzenten, aber besonders die DEFA- und die Murnau-Stiftung. Sie besitzen das deutsche Filmerbe bis 1945. Beide Institutionen können für den physischen Erhalt des Bestands nur ausgeben, was sie zuvor eingenommen haben. Und die Summen gehen kontinuierlich zurück. Die Murnau-Stiftung ist in eine existentielle Krise geraten. Die Gremien beraten nun, wie es nach 2017 weitergehen wird. An spektakuläre Restaurierungsvorhaben wie zuletzt von "Metropolis" und den "Nibelungen", die jeweils mehrere Hunderttausend Euro kosteten, ist nicht zu denken. Auch das Know-how und die technische Infrastruktur für die Umspielungen sind in Gefahr. "Die Firmen sind in einer dramatischen wirtschaftlichen Situation, da der Markt ihre Leistungen ohne staatliche Unterstützung nicht abruft. Sie werden im kommenden Jahr schließen. Die Kapazitäten können nur mit hohem Aufwand wieder aufgebaut werden", mahnte Christine Grieb, Geschäftsführerin des Verbands technischer Betriebe.

Zelluloid-Bestände "Die Digitalisierung ist nur ein erster Schritt. Die langfristige Sicherung der digitalen Kopie und der analogen Fassung der zweite.", betonte Michael Hollmann, Direktor des Bundesarchivs, zu dessen Bestand 150.000 Titel in 1,2 Millionen Filmrollen gehören. Österreich und Schweden haben sich für den Erhalt der Nitro- und Zelluloid-Bestände entschlossen, auch deutsche Filmliebhaber und Experten raten zu dieser Doppelstrategie.

Mit seinem gegenwärtigen Etat kann das Bundesfilmarchiv sie nicht umsetzen. Von den Erhöhungen des Kulturetats des Bundes in den vergangenen Jahren hat es nie profitiert. Die Folgen sind dramatisch. Die Zahl der Mitarbeiter verringerte sich seit Ende der 1990 von 111 auf 64. Nun ist die Schließung der Kopierwerke in Koblenz und Hoppegarten geplant - den letzten im Filmland Deutschland.

"Lasst uns endlich mit dem Anfangen anfangen", appelliert Rainer Rother an die Abgeordneten. 330 Millionen Euro fließen jährlich in die deutsche Filmproduktion. Für die Bewahrung des Filmerbes sollten sich zehn Millionen finden lassen. Und ebenso die Mittel für die Erhöhungen der Etats von Bundesfilmarchiv und der Kinemathek, die im Koalitionsvertrag versprochen wurden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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