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Katrin Neubauer
Warten auf den Durchbruch

Bei der Medikamenten-Entwicklung stehen derzeit die Vor- und Frühstadien der Demenz im Fokus

Es ist kurz nach Mitternacht. Adolf P. sitzt komplett angezogen im Bett. "Jemand hat Bescheid gesagt. Ich werde 13.00 Uhr abgeholt", antwortet er auf die Frage seiner erstaunten Ehefrau, wo er denn hin wolle. Sie war von den Geräuschen aufgewacht. Seit sich bei ihrem Mann 2009 die ersten Anzeichen von Alzheimer-Demenz einstellten, hat sich vieles im Leben des Ehepaares geändert. "Anfangs konnte er unter meiner Anleitung noch in Haus und Garten mithelfen", erzählt sie. Sie ertrug es mit Gelassenheit, wenn er die Asche in die Papiertonne statt in den Hausmüll warf oder Olivenöl ins Weinglas kippte. Aber nach einem Oberschenkelhalsbruch ging es mit seiner Mobilität und auch dem Gedächtnis rapide bergab. Sie traut sich kaum noch, den 88-Jährigen allein im Haus zu lassen. "Wenn ich kurz mal weg muss, hänge ich überall große Zettel hin, auf denen steht, wo ich bin."

Etwa jeder vierte über 80-Jährige in Deutschland leidet an einer Demenz. Von der häufigsten Form, der Alzheimer-Demenz, sind 60 bis 70 Prozent der Erkrankten betroffen. "Sofern kein Durchbruch in Prävention und Therapie gelingt, wird die Zahl der Erkrankten jedes Jahr um 40.000 zunehmen", so lautet die Prognose der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Hochgerechnet auf das Jahr 2050 bedeutet das: drei bis vier Millionen Menschen mit Demenz.

Ablagerungen Die Forschung auf diesem Gebiet läuft seit Jahrzehnten auf Hochtouren. Die Datenbank Medline, eine der größten, hat unter dem Begriff Demenz fast 134.000 Studien gelistet, die seit 1945 publiziert wurden. Inzwischen sind sich die Forscher weitgehend einig, dass Alzheimer durch das massenhafte Absterben von Gehirnzellen ausgelöst wird. Als Ursache identifizierten sie Ablagerungen schädlicher Stoffwechselprodukte in Form von Plaques. Die bestehen vor allem aus ß-Amyloid-Peptiden, die sich zu immer größeren Konglomeraten zusammenballen und sich im Raum zwischen den Nervenzellen oder in Gefäßwänden ablagern.

Ebenfalls beteiligt an der Erkrankung ist eine abnorme Form des Tau-Proteins. In seiner gesunden Form ist das Tau-Protein ein wichtiger Bestandteil des Zellskeletts, das für den Transport von Substanzen innerhalb der Zelle verantwortlich ist. Bei der Alzheimer-Erkrankung verklumpt Tau zu Eiweißfasern, sogenannten neurofibrillären Bündeln, die den Austausch innerhalb der Zelle schließlich zum Erliegen bringen. Die Zelle stirbt ab. Wissenschaftler gehen davon aus, dass bei Alzheimer ß-Amyloid-Ablagerungen der Entstehung des abnormen Tau-Proteins offenbar vorausgehen.

Impfstoffe Aktuelle Ansätze in der Medikamentenentwicklung haben vor allem die Vor- und Frühstadien der Erkrankung im Fokus. Seit Jahren werden Impfstoffe aus Amyloid-Antikörpern getestet, die Ablagerungen wegräumen sollen, bevor das Gehirn größeren Schaden nimmt. "Bisherige Studien scheiterten allerdings an der schlechten Wirksamkeit der Impfstoffe und den starken Nebenwirkungen", sagt Lutz Frölich, Leiter der Gerontopsychiatrie am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim. Unklar ist auch, inwieweit ß-Amyloid überhaupt für den Verfall des Gedächtnisses verantwortlich ist. "So wurden bei geimpften Probanden nach deren Tod keinerlei Amyloid-Ablagerungen mehr gefunden, obwohl diese zuletzt schwer demenzkrank waren", sagt Frölich. Umgekehrt zeigten Untersuchungen, dass bei 30 Prozent bereits alter, aber geistig gesunder Menschen Amyloid-Ablagerungen im Gehirn nachweisbar waren, ohne dass sie Demenzsymptome zeigten.

Eine zweite Forschungsstrategie richtet sich deshalb direkt gegen die schädliche Form des Tau-Proteins. "Von Tau wissen wir, dass es auf jeden Fall typische Symptome der Alzheimer-Demenz verursacht", sagt Frölich. Die Schwierigkeit bei der Entwicklung eines Impfstoffes besteht darin, Antikörper zu finden, die sich nur gegen das pathologische, nicht aber gegen das gesunde Tau-Protein richten. Ein solches Medikament würde vor allem Menschen im leichteren Stadium zugute kommen. Eine erste aktive Impfung wird derzeit an 185 Patienten mit Alzheimer-Demenz erprobt.

"Die degenerativen Prozesse im Gehirn, die zur Alzheimer-Erkrankung führen, sind zwar gut erforscht, aber ein Präparat, das die Krankheit stoppen kann, ist noch nicht in Sicht", sagt Wolfgang Maier, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn. Patienten stehen gegenwärtig lediglich zwei Medikamente zur Verfügung, die das Fortschreiten der Symptome etwas verlangsamen: Cholinesterase-Hemmer und Memantine. Erstere können bei leichter bis mittelschwerer Demenz den kognitiven Verfall um sechs bis neun Monate hinauszögern. "Das ist zwar nicht zufriedenstellend, aber trotzdem ein wichtiger Zeitgewinn", sagt Maier. Auf Selbstständigkeit und Lebensqualität haben die Medikamente einen eher geringen Einfluss.

Für etliche Patienten ist die Therapie mit Nebenwirkungen, wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und Kopfschmerz verbunden. Bei zehn bis 20 Prozent der Betroffenen kommen Cholinesterase-Hemmer wegen der Inkompatibilität mit anderen Erkrankungen gar nicht erst in Frage. Nebenwirkungsärmer sind Memantine. Die können im mittleren und schweren Stadium gegeben werden, verzögern den Verlauf jedoch bestenfalls um wenige Monate.

Fehlinterpretationen "Höchstens 50 Prozent der Alzheimerpatienten bekommen überhaupt Antidementiva verordnet", sagt Maier. "Viele Demenzen werden - gerade in Altenheimen - übersehen oder fehlinterpretiert." Bei schwierigen Verhaltensweisen sind Antidementiva ohnehin ungeeignet. "Nach manchen Studien erhalten mehr Alzheimer-Patienten Psychopharmaka, wie Neuroleptika oder Antidepressiva, als Antidementiva. Psychopharmaka werden in den Leitlinien zur Behandlung von Demenzerkrankungen nicht empfohlen, in der Praxis jedoch häufig aus Mangel an Alternativen verordnet." Sie mindern Angst, Unruhe, Wahnvorstellungen und Aggressionen - Verhaltensweisen, die die Pflege erheblich erschweren.

"Insbesondere für Menschen mit schwerer Demenz wäre es extrem wichtig und sinnvoll, die symptomatische Therapie zu verbessern", sagt Oliver Peters, Leiter der Gedächtnissprechstunde und Oberarzt an der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Berlin. Gängige Neuroleptika können in hoher Dosierung die Lebenserwartung verringern und das Schlaganfallrisiko erhöhen. "Bisher wird auf diesem Gebiet zu wenig geforscht. Die Novelle des Arzneimittelgesetzes könnte hier Abhilfe schaffen. Natürlich muss es sich jeder Patient jederzeit anders überlegen und die Verfügung ändern können", sagt Peters und fügt hinzu: "Hinsichtlich der Novelle gibt es viele Missverständnisse und unrealistische Szenarien, die spekulieren, dass Menschen im Rahmen der klinischen Forschung instrumentalisiert werden könnten. Es ist jedoch aus Sicht eines in der akademischen Forschung tätigen Arztes weltfremd anzunehmen, dass bei dem geringsten Zweifel an fortbestehender Zustimmung ein Patient in eine Arzneimittelprüfung eingeschlossen werden würde."

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft hält eben dieses Szenario für wahrscheinlich. "Wir sehen die Gefahr, dass eine Patienten- oder Probandenverfügung zur Umsetzung kommt, die nicht mehr dem aktuellen Willen des Patienten entspricht", argumentiert die Selbsthilfeorganisation. Es fehle eine Exit-Strategie. Befürchtet wird, dass die schriftliche Verfügung letztlich über den aktuellen Willen gestellt werden könnte.

Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der der Uniklinik RWTH Aachen, weist darauf hin, dass das Antidementivum Memantin auch durch gruppennützige Forschung im Ausland entwickelt und zugelassen wurde, weil in Deutschland die Rechtsgrundlage fehlte. "Es kann nicht sein, dass wir Medikamentenforschung in Länder auslagern, in denen andere ethische und medizinische Standards herrschen als in Deutschland und dann von diesen Ergebnissen profitieren." Andere Demenzforscher halten die jetzige Gesetzeslage für ausreichend, um nach Arzneimitteln zu forschen oder Erkenntnisse über den Krankheitsverlauf zu gewinnen. "Die pharmazeutische Industrie macht fast nur noch Studien an Patienten in leichten Stadien oder mit Prädemenz", sagt Johannes Pantel, Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin mit Schwerpunkt Psychogeriatrie und klinische Gerontologie am Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt am Main. "Im Gehirn von schwer Demenzkranken dominieren qualitativ die gleichen Krankheitsprozesse, wie bei leicht Erkrankten." Demzufolge würde es genügen, nur einwilligungsfähige Patienten mit leichter und moderater Demenz in Studien aufzunehmen und jene im fortgeschrittenen Stadium zu schützen.

Zu diesen Patienten gehört auch Adolf P. Er hat seine Alzheimer-Medikamente abgesetzt. Die helfen ihm in dem Stadium ohnehin nicht mehr. Dank eines aktiven Lebensstils und der liebevollen Zuwendung seine Frau ist er trotz der Erkrankung ein verträglicher Mensch geblieben.

Freundlich dreinblickend sitzt er am Tisch. "Früher ging er wenigstens manchmal noch mit dem Hund unseres Sohnes spazieren", erzählt seine Frau. Das ist nun auch vorbei, seit er dem Tier einmal die Leine um den Hals gezurrt hatte, weil er sie mit dem Halsband verwechselte. Adolf P. wirft seiner Frau einen schelmischen Seitenblick zu: "Was du für Sachen über mich erzählst!"

Die Autorin ist Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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