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EDITORIAL
Jörg Biallas
Der große Irrtum

Die Abmachung ist im Detail viel komplizierter. Im Grundsatz lässt sie sich aber so zusammenfassen: Für die Entsorgung des Atommülls ist jetzt der Bund zuständig. Die Betreiber der Atomkraftwerke zahlen einen hohen Milliarden-Euro-Betrag in einen öffentlichen Fonds. Im Gegenzug kümmert sich der Staat um den Bau und die Finanzierung von Zwischen- und Endlagern.

Das ist auch gut so. Immerhin ist diese Aufgabe höchst brisant. Privatwirtschaftliche Interessen haben da nichts zu suchen. Die strahlenden Hinterlassenschaften aus jahrzehntelanger Kernenergie-Gewinnung dürfen nicht zum Gegenstand profitorientierten Handelns werden.

Es geht nicht darum, eine möglichst wirtschaftliche Lagerstätte zu finden. Es geht um einen möglichst sicheren Standort, der mit überschaubarem Aufwand und in absehbarer Zeit erschlossen werden kann.

Das ist schwierig genug, wie die bisherigen Abstimmungsversuche auf politischer Ebene gezeigt haben. Denn die Begeisterung der Bevölkerung in den in Frage kommenden Regionen ist nachvollziehbar ausgesprochen gedämpft.

Wer lebt schon gern mit dem Bewusstsein, Krankheit und Tod bringenden Strahlenmüll vor der eigenen Haustür liegen zu haben? Das Versprechen, das Material sei sicher vergraben, mag rational greifen. Emotional verfängt es nicht.

Die Stromerzeugung mit Kernkraft war einer der folgenreichsten Irrtümer der Technikgeschichte. Jetzt muss es wenigstens gelingen, mit einem geeigneten Endlager-Modell einen Schlusspunkt zu setzen.

Zumindest national, denn viele andere Länder gehen nach wie vor völlig verantwortungslos mit Strahlenmüll um. Da werden ausrangierte Brennstäbe einfach auf einsamen Inseln entsorgt, ohne Aussicht auf eine endgültige Lösung von Zwischenlager zu Zwischenlager gekarrt oder in Stollen verscharrt, die höchstens bedingt Schutz vor den gefährlichen Strahlen bieten.

Es wird nicht gelingen, den folgenden Generationen die Bürde des atomaren Erbes zu nehmen. Es kann aber gelingen, den Schaden durch ein kluges Lagerkonzept möglichst klein zu halten.

Wenigstens diese Chance darf nicht ungenutzt vorüberziehen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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