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FORSCHUNG
Annette Rollmann
Für die Zukunft

25 Jahre »Büro für Technikfolgenabschätzung«

In den 1950er Jahren erklärte ein US-Staubsaugerhersteller, dass es bald nuklear betriebene Staubsauger geben würde, die Grünen fürchteten vor 30 Jahren, dass die Digitalisierung des Fernsprechnetzes Unheil bringen würde. Dafür, wie schwer es ist, aus der Gegenwart heraus die Entwicklungen und Risiken künftiger Entwicklungen zu erkennen und abzuwägen, gibt es noch unzählige weitere Beispiele. Das gilt sowohl für technologische wie auch gesellschaftspolitische Entwicklungen und deren Folgen.

Heute geht es um den Menschen als "Wettermacher", also den künstlichen Eingriff in das Klima (Climate-Engineering), den Einsatz von Robotern in der Pflege von Menschen oder Synthetische Biologie - die nächste Stufe der Bio- und Gentechnologie. Was bedeuten all diese Entwicklungen für die Gesellschaften und für den Einzelnen? Wie lassen sie sich steuern? Fragen, die in der Debatte zum 25. Geburtstag des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) in der vergangenen Woche immer wiederkehrten. Quer durch alle Fraktionen waren sich die Redner in dem Befund einig, dass die Beratung der Abgeordneten durch das Büro für Technikfolgenabschätzung bei solchen Fragen unverzichtbar ist.

Die Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, Patricia Lips (CDU), sagte, alle Abgeordneten seien überzeugt, dass der Bundestag über das bestmögliche Wissen verfügen müsse, "um als Gesetzgeber den wissenschaftlich-technischen Wandel gestaltend zu begleiten". Konkret nannte sie Untersuchungsaufträge zur Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften am Beispiel eines großflächigen Ausfalls der Stromversorgung, zu den Auswirkungen des 3-D-Druckens oder zum Mediensuchtverhalten.

Optimismus und Skepsis Das TAB, unter Leitung von Professor Armin Grunwald, ist eine selbstständige wissenschaftliche Einrichtung. Es wird seit 1990 vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) betrieben. Das Büro berät den Bundestag und seine Ausschüsse in Fragen des technologischen Wandels. Ziel ist es, die Potenziale neuer Entwicklungen zu analysieren und die damit verbundenen Chancen auszuloten. Auf dieser Grundlage entwickelt das TAB Handlungsoptionen für die Politik. Steuerungsgremium des TAB ist der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung.

Die Idee, eine Technikfolgenabschätzung zur Unterstützung des Parlaments einzusetzen, kam erstmals in den 1970er Jahren auf. Es war eine Zeit intensiver Auseinandersetzungen um Chancen und Risiken des technologischen Fortschritts. Der frühere Technikoptimismus war einer weitverbreiteten Skepsis gewichen und es wuchs zunehmend die Einsicht in die Notwendigkeit einer frühzeitigen Bewertung der Entwicklung und des Einsatzes neuer Technologien. Eine Antwort auf diese Herausforderung waren Konzepte der Technikfolgenabschätzung.

Auch viele Bundestagsabgeordnete empfanden einen Mangel an ausgewogener Information und Beratung in diesem Zusammenhang. Ferner erhoffte man sich durch eine kontinuierlich betriebene Technikfolgenabschätzung auch Problem- und Orientierungswissen, um in gesellschaftlichen Debatten um Technik und Technikfolgen eine aktivere Rolle spielen zu können

Ralph Lenkert (Die Linke) verwies in der Debatte auf den rasanten Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnisse und die Herausforderung durch das Internet. Die Bundestagsabgeordneten bräuchten unabhängige, professionelle Beratung. Er schlug vor, den Jahresetat des TAB um 25 Prozent auf 2,6 Millionen Euro zu erhöhen.

René Röspel (SPD) sagte, zu einer vernünftigen Politik gehöre es, Risiken "zu identifizieren und zu benennen, sie zu verhindern oder vielleicht zu minimieren". Viele Menschen seien überfordert, mit der rasanten technischen Entwicklung Schritt zu halten. Durch die Beratung des TAB müsse der Bundestag nicht unvorbereitet entscheiden, so Röspel.

Harald Ebner (Bündnis 90/Die Grünen) betonte, der Satz "Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen" sei eine treffende Begründung dafür, warum der Bundestag "eine erfahrene, professionelle Institution" wie das Büro für Technikfolgenabschätzung brauche. Er mahnte: "Unser Handeln hat immer Auswirkungen auf kommende Generationen. Wir haben da auch eine moralische Verpflichtung, auch die Interessen unserer Enkel und Urenkel bei allen Entscheidungen mitzudenken."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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