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EDITORIAL
Jörg Biallas
Unter Freunden

Kritiker der Europäischen Union haben es schon immer behauptet. Nun sieht es so aus, als könnten sie Recht behalten: Die Gemeinschaft ist ein fragiles Gebilde. Sie ist nicht stressresistent und untereinander nur solidarisch, solange die nationalen Egoismen nicht angetastet werden. Dafür, heißt es, seien die ungleiche Verteilung der Millionen Flüchtlinge und die Weigerung einzelner Mitgliedsstaaten, sich stärker bei der Aufnahme zu engagieren, beredte Beispiele.

Diese Argumentation ist zwar nicht ganz zu entkräften. Sie ist aber trotzdem nur ein Teil der Wahrheit. Denn dazu gehört eben auch die Feststellung, dass die Gemeinschaft der Europäer eine Bilanz vorzuweisen hat, die in der Weltgeschichte ihresgleichen sucht. Die Union garantiert Frieden und Freiheit, Wirtschaftskraft und Wohlstand - im Osten wie im Westen des Kontinents.

Daran werden auch die vielen Flüchtlinge nichts ändern. Und deshalb darf die Union von niemandem leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. Schon gar nicht für ein Problem, das gewiss enorme Herausforderungen mit sich bringt, aber - ebenso gewiss - gemeinsam zu lösen ist. Allen noch so drastisch formulierten Unkenrufen zum Trotz.

In Teilen der Politik und der Gesellschaft bis hinein in die intellektuellen Eliten Deutschlands wird derzeit munter dem Schließen nationaler Grenzen das Wort geredet, um den Zustrom der Flüchtlinge besser zu kontrollieren oder gar einzudämmen (siehe auch Seite 2). Mitunter befremdet es, wie kräftig dabei gemeinsam mit ausländischen Repräsentanten, deren Begabung zur orchestralen Demokratie nicht immer sofort zu erkennen ist, in die Hörner gestoßen wird.

In jeder Gemeinschaft gibt es Starke und weniger Starke, Zuverlässige und weniger Zuverlässige, Charakterfeste und weniger Charakterfeste, Dankbare und weniger Dankbare. So ist es auch in der Europäischen Union.

Im Zusammenspiel der Staaten bleiben Enttäuschungen nicht aus. Darüber ist unter Partnern zu reden. Und zwar so, dass gemeinsame Werte als Maßstab gemeinsamen Handelns wieder in den Vordergrund rücken.

Und manchmal hilft es dabei sicher auch, die ein oder andere Nation an die Vorzüge der eigenen Mitgliedschaft in der EU zu erinnern. In aller Freundschaft, versteht sich. Aber bestimmt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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