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Rauchen
Katrin Neubauer
Dampfen löst das Qualmen ab

Tabakkonsum ist schädlich, gilt unter vielen Jugendlichen aber auch als cool. Nikotin macht sehr schnell abhängig

Ich wollte auch mal cool sein." Dwight F. war zwölf, als ihm sein 13-jähriger Cousin eine Zigarette hinhielt. Anfangs schmeckte es nicht, aber es fühlte sich gut an, mit Älteren etwas gemeinsam zu haben. "Ich kam mir ziemlich erwachsen vor", erinnert sich der heute 15-Jährige. Schnell war der Sechstklässler bei bis zu neun Zigaretten am Tag, und manchmal waren es auch 20. Etwa jeder zehnte Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren hängt am Glimmstängel - Jungs wie Mädchen. Dennoch rauchen heute weniger Jugendliche als je zuvor. Die Zahl der jungen Einsteiger hat sich nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) fast halbiert: Von 27,5 Prozent 2001 auf 9,7 Prozent 2014. Durchschnittlich zünden sich Jugendliche heute mit 15 die erste Zigarette an. Gleichzeitig ist für immer mehr junge Menschen Rauchen tabu. Mit rund 75 Prozent gibt es heute in dem Alter so viele Nichtraucher wie nie zuvor.

Große Erfolge "In den vergangenen 15 Jahren haben wir den größten Erfolg der Suchtprävention im Nachkriegsdeutschland erzielt", sagt Rainer Thomasius, ärztlicher Leiter des Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Rauchen hat einen Imagewandel erlebt, ausgelöst durch Rauchverbote an Schulen, öffentlichen Einrichtungen, Arbeitsplätzen, in Restaurants, die höhere Tabaksteuer und Zugangsbeschränkungen für Minderjährige an Zigarettenautomaten. "Nichtraucherschutzgesetze denormalisieren das Rauchen und senken dadurch den Raucheranteil - vor allem unter Jugendlichen", erklärt Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Offenbar haben aber auch solche Kampagnen den Nerv vieler Teenager getroffen, die auf ästhetische und gesundheitliche Folgen des Rauchens zielen: Kurzatmigkeit, Unsportlichkeit, gelbe Zähne und Finger, schlechte Haut, unangenehmer Geruch. Die Gegenaufklärung hat in allen sozialen Schichten ihre Wirkung entfaltet, besonders aber unter höher gebildeten Jugendlichen. Rauchte 2001 an den Gymnasien noch fast jeder Fünfte (18,8 Prozent), war es 2014 nur noch jeder 20.

"Das Bewusstmachen der Nachteile bewirkt bei vielen Heranwachsenden eine Verhaltensänderung", sagt Suchtforscher Thomasius. Rauchen wird damit "uncool". Man gehört zu einer Minderheit von Außenseitern, die nicht auf ihr Äußeres und ihre Gesundheit achten. "Die Mehrheit der jungen Leute ist heutzutage viel gesundheitsbewusster als früher."

Tödliche Krankheiten Die pathologische Seite des Rauchens bietet genügend Fakten zur Abschreckung: Vier von fünf Lungenkrebsfällen sind auf die Zigarettensucht zurückzuführen. Studien zufolge haben rund 80 Prozent der Raucher die chronisch obstruktive Lungenerkrankung COPD, auch wenn viele es noch nicht merken. Bisher waren Ärzte von 50 Prozent ausgegangen. An den Folgen des Rauchens sterben in Deutschland jährlich mehr als 100.000 Menschen; 3.300 Todesfälle gehen auf das Konto des Passivrauchens. Nikotinabhängigkeit ist mit 5,58 Millionen Betroffenen die am weitesten verbreitete Sucht.

Laut dem Drogenbericht der Bundesregierung von 2015 kommt jeder Zehnte der 18- bis 64-Jährigen nicht ohne Zigarette aus. "Das Suchtpotenzial des Nikotins ist außerordentlich hoch und wurde von der Forschung lange Zeit unterschätzt", sagt Thomasius. Bezüglich seiner Wirkung auf das Nervensystem sei es mit Opiaten wie Heroin vergleichbar. "Insbesondere das Gehirn von Heranwachsenden ist, da es sich im Aufbau befindet, außerordentlich empfänglich für die suchtfördernde Wirkung von Nikotin. Da genügen schon zwei bis drei Zigaretten täglich, um eine Abhängigkeit zu entwickeln." Entwöhnungsversuche in der Adoleszenz seien aufgrund der noch schwach entwickelten Selbstregulation selten erfolgreich. Je früher ein Mensch mit dem Rauchen beginnt, desto höher ist das Risiko, abhängig zu werden. Tabak gilt außerdem als Einstiegsdroge in härtere Substanzen wie Cannabis, Speed und andere Amphetamine. "Es gibt kaum einen Jugendlichen, der Drogen nimmt und nicht raucht. Von unseren Patienten mit Suchtproblemen sind etwa 95 Prozent nikotinabhängig", sagt Thomasius.

Doch warum haben Zigaretten vor allem auf Jugendliche eine solche Anziehungskraft? "Die Pubertät ist eine Phase des aktiven Loslösens von den Eltern und des Suchens nach Gruppenzugehörigkeit", sagt Reiner Hanewinkel, Geschäftsführer des Instituts für Therapie und Gesundheitsforschung (IFT-Nord) in Kiel. "Die Werbebotschaften der Tabakindustrie bedienen genau diese Sehnsucht: Sie vermitteln Unabhängigkeit, Entspanntheit, soziale Interaktion, Selbstbewusstsein - und Gesundheit. Krank sieht da keiner aus."

Problem Werbung "Die aggressive Tabakwerbung an Bushaltestellen, S-Bahnhöfen und in Kinos ist das Hauptproblem", sagt Pötschke-Langer vom DKFZ. Dort halten sich Jugendliche besonders viel auf. "Die Bundesrepublik hat eins der freizügigsten Tabakwerbeverbote in der EU. Großplakate in der Öffentlickeit, am Verkaufsort und im Kino sind ebenso erlaubt wie das Sponsoring nationaler Veranstaltungen durch Zigarettenhersteller."

Laut einer europaweiten repräsentativen Umfrage haben 2014 in Deutschland deutlich mehr als die Hälfte der Befragten Tabakwerbung wahrgenommen. In Ländern mit strikteren Verboten erreichte die Reklame nur jeden Dritten oder Vierten. "Dort, wo die umfangreichsten Tabakkontrollmaßnahmen, wie Werbeverbot, Nichtraucherschutz und Preiserhöhungen eingeführt wurden, sank auch der Tabakkonsum am deutlichsten", sagt Pötschke-Langer. Vorreiter in Europa sind Großbritannien und Irland. Der Anteil der Raucher an der Bevölkerung lag hier 2014 bei 22 beziehungsweise 21 Prozent, in Deutschland bei 26 Prozent. Bei hiesigen Jugendlichen ist die Zigarette inzwischen hingegen genauso verpönt, wie in den Vorbildländern: Laut einer internationalen Befragung in den Jahren 2009 und 2010 rauchte in Deutschland wie in Irland und Großbritannien nur jeder zehnte 15-Jährige täglich.

Neues Laster Dafür zieht ein neues Laster am Trendhorizont auf: E-Zigaretten, E-Shishas und Wasserpfeifen (Shishas). Laut BZgA rauchen rund 15 Prozent der 15-Jährigen Shishas. E-Shishas hat jeder fünfte (21,4 Prozent) Jugendliche schon einmal probiert. "E-Produkte werden von den Herstellern gezielt auf den Markt gebracht, um Jugendliche an das Tabakrauchen heranzuführen", meint Thomasius. Etwa elf Prozent der 12- bis 17-Jährigen, die noch nie geraucht haben, haben E-Shisha oder E-Zigarette gedampft. Die peppig-bunten und aromatisierten E-Produkte werden sogar häufig als gesündere Alternative beworben. Unter Gymnasiasten gibt es laut BZgA inzwischen mehr Shisha- als Zigarettenraucher. Der Trend kommt aus dem angelsächsischen Raum. Dort wurde das Wort "Vape" (Dampfen) zum Wort des Jahres 2014 gekürt. Sein Gebrauch habe sich von 2013 zu 2014 verdoppelt, erklärte der Wörterbuchbverlag "Oxford Dictionaries".

Dass auch E-Produkte und Wasserpfeifen die Gesundheit gefährden, ist vielen Jugendlichen nicht bekannt. Bei E-Zigaretten und E-Shishas wird ein Gemisch aus verschiedenen Chemikalien und zugesetzten Aromen verdampft. Manche enthalten auch Nikotin. Die Substanzen können Reizungen und Entzündungen der Atemwege zur Folge haben. Auch giftige Metalle gelangen beim "Dampfen" mitunter bis tief in die empfindliche Lunge. "Da die Substanzen gedampft werden, nehmen sich Jugendliche gar nicht als Raucher wahr", sagt Hanewinkel und meint. "Hier ist noch mehr Aufklärung nötig."Dwight hat das Rauchen nach zwei Jahren aufgegeben. Die Angst vor Krankheiten, vor allem Krebs, war stärker als der Wunsch, "cool" zu sein. Der Kommentar eines Nichtraucher-Freundes drück Anerkennung aus: "Das fand ich echt stark von ihm."

Die Autorin ist freie Journalistin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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