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Aufgekehrt
Helmut Stoltenberg
Lizenz zum Löschen

Europas Parlament findet oft nicht die ganz große Beachtung. Unlängst etwa galt das für eine Änderung seiner Geschäftsordnung: Danach kann sein Präsident aus "audiovisuellen Aufzeichnungen" der Sitzungen diffamierende oder rassistische Äußerungen löschen lassen. Würden sie nicht via Smartphone verbreitet, bliebe so des Hauses Würde unbefleckt: Was nicht sein darf, ist auch nicht.

Viel Ärger ließe sich so aus der Welt schaffen. Fremdenfeindlichkeit? Pegida? Einfach löschen. Schon strahlt die Frauenkirche heller! Klimaerwärmung? Umweltzerstörung? Einfach löschen, alles gut. Löschen darf, wer die Macht hat - weiter westwärts derzeit schön zu sehen. Baustellen im Berufsverkehr? Einfach löschen - dann muss man nicht früher aufstehen. Dumm nur, dass man im Stau steht - obwohl die Verkehrsnachrichten zu "Fake news" erklärt wurden.

Schade auch, dass beim Löschen schönes Anschauungsmaterial verloren geht. Denken wir nur an die Aufnahme vom Reichstagsbrandprozess, als 1933 der Ober-Nazi Göring einen - später freigesprochenen - Angeklagten als "Schuft" und "Gauner" beschimpfte. Das nachzuhören, kann auch in Zeiten nutzen, in denen ein interkontinentaler Staatsmann damit zitiert wird, ein kleines Küstenland als "Banditenstaat" mit "verkommenem Charakter" zu titulieren. Da könnte doch der Göring-Mitschnitt die einen zu neuen Formulierungen inspirieren und die anderen zu der Erkenntnis, wer da wessen Sprache spricht. Sollte also im Europäischen Parlament einer etwa Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern einmal mit geringerer weiblicher Intelligenz verteidigen - bitte nicht löschen! Wir wollen doch im Bilde sein.Helmut Stoltenberg

Aus Politik und Zeitgeschichte

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