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BOSNIEN-HERZEGOWINA
Matthias Rüb
Jeder gegen jeden

Auf die Unabhängigkeit vor 25 Jahren folgte das schlimmste Blutvergießen in Europa seit 1945

Man konnte wissen, was im Frühjahr 1992 kommen würde. Schließlich hatte alle Welt die Teilrepublik Bosnien-Herzegowina immer als "Jugoslawien im Kleinen" bezeichnet. Und da alle Welt im Frühjahr und Sommer 1991 den kriegerischen Zerfall Jugoslawiens nach den Unabhängigkeitserklärungen der Teilrepubliken Slowenien und Kroatien erlebt hatte, musste doch im Frühjahr darauf auch das nach Unabhängigkeit strebende Bosnien-Herzegowina seinerseits in einem Krieg zerfallen: Warum sollte das kleinere Abbild überleben können, was das größere Urbild nicht überstanden hatte?

Sehenden Auges löste sich die Teilrepublik Schritt um Schritt von Jugoslawien und ging damit geradewegs ihrem Zerfall im blutigsten aller Kriege im ehemaligen Jugoslawien und im schlimmsten Blutvergießen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs entgegen.

Schon im Oktober 1991 hatte das Parlament in Sarajevo für die Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas gestimmt - allerdings nur mit den Stimmen der (muslimischen) Bosniaken und der Kroaten. Die Abgeordneten der von Radovan Karadzic gegründeten Serbischen Demokratischen Partei (SDS) waren zuvor unter Protest aus dem Parlament ausgezogen und gründeten kurz darauf ihr eigenes bosnisch-serbisches Parlament in Banja Luka. Im November 1991 hielten die bosnischen Serben unter Führung der SDS in den von ihnen beanspruchten Gebieten ein Referendum ab über den Verbleib bei Jugoslawien - mit dem erwarteten Ergebnis einer überwältigenden Mehrheit der Stimmen für einen Verbleib. Schon im Januar 1992 ließ Karadzic dann auf den von den bosnischen Serben beanspruchten Gebieten die "Srpska Republika" (Serbische Republik) ausrufen, die sich im Falle der Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas mit dem Mutterland Serbien verbinden würde.

Boykott Die Regierung in Sarajevo bezeichnete das Referendum der bosnischen Serben und die Ausrufung der "Srpska Republika", als illegal und setzte ihrerseits eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit in ganz Bosnien-Herzegowina für den 29. Februar und den 1. März 1992 an. Dieses Referendum wurde erwartungsgemäß von den bosnischen Serben boykottiert, nur die Bosniaken und die Kroaten nahmen teil. Bei einer Wahlbeteiligung von 63 Prozent sprachen sich mehr als 99 Prozent der Wähler für die Abspaltung Bosnien-Herzegowinas von Jugoslawien aus. Die formale Unabhängigkeitserklärung durch die Regierung in Sarajevo erfolgte am 3. März 1992. Die damalige Europäische Gemeinschaft (EG) und die USA erkannte den neuen Staat im April an. In die UN wurde Bosnien-Herzegovina am 22. Mai 1992 aufgenommen.

Zu diesem Zeitpunkt drohte längst Krieg in Bosnien-Herzegowina, war die Hauptstadt Sarajevo von serbischen Einheiten belagert, war die "ethnische Säuberung" ganzer Landstriche im Gang. Der Staat, der gerade von den Europäern und Amerikanern anerkannt und im Mai vor 25 Jahren in die UN aufgenommen wurde, existierte damals schon nicht mehr. Und es gibt diesen sonderbaren Staat bis heute allenfalls auf dem Papier, zusammengehalten von einem unzulänglichen, aber unverzichtbaren Friedensvertrag.

Schon darüber, wann der Krieg in Bosnien-Herzegowina genau begonnen hat, sind sich die Volksgruppen uneins. Aus Sicht der Serben war der erste tödliche Schuss des Krieges jener des bosniakischen Gangsters Ramiz Delalic, der am 1. März auf eine serbische Hochzeitsgesellschaft in der Altstadt von Sarajevo feuerte und dabei den Brautvater Nikola Gardovic erschoss und den orthodoxen Priester Radenko Mikovic schwer verletzte. Viele Bosniaken und Kroaten betrachten dagegen die Muslimin Suada Dilberovic und die Katholikin Olga Sucic als die beiden ersten Opfer des Krieges oder jedenfalls der Belagerung Sarajevos: Die beiden jungen Frauen wurden am 5. April 1992 von serbischen Heckenschützen getötet, als diese von einem Hotel unter Kontrolle der SDS (Serbische Demokratische Partei) auf die Teilnehmer einer großen Friedensdemonstration feuerten. Der Streit darüber, wer den Krieg wann begonnen hat, ist Folge der Tatsache, dass sich alle drei Volksgruppen als Opfer des Krieges betrachten. Und dass sie bis heute eigentlich nur jeweils ihre eigenen Opfer betrauern.

Die Regierung in Sarajevo mochte gehofft haben, dass die Europäer und die Amerikaner - und später auch die UN - die Anerkennung Bosnien-Herzegowinas mit der Selbstverpflichtung zur Verteidigung des neuen unabhängigen Staates verbinden würden. Doch das war nicht so, Sarajevo blieb auf sich allein gestellt. Massive Unterstützung aus Serbien - und von der serbisch dominierten Jugoslawischen Volksarmee - erhielten anfangs nur die bosnischen Serben. Die Streitkräfte Bosnien-Herzegowinas, in der Bosniaken und Kroaten (sowie einige wenige Serben) zunächst gemeinsam kämpften, waren der Armee der "Republika Srpska" hoffnungslos unterlegen. Binnen weniger Wochen eroberten die bosnischen Serben fast 70 Prozent des Territoriums von Bosnien-Herzegowina. Bei der letzten Volkszählung von 1991 waren die Serben mit einem Bevölkerungsanteil von 31,2 Prozent aber nur als die zweitgrößte Volksgruppe der jugoslawischen Teilrepublik nach den Bosniaken mit 43,7 Prozent ermittelt worden. Als Kroaten hatten sich 17,4 Prozent der Befragten bezeichnet.

An den Frontverläufen änderte sich zunächst wenig, und auch daran nicht, dass die Serben deutlich mehr Territorium kontrollierten als ihnen gemäß ihrem Bevölkerungsanteil zugestanden hätte. Im Juni 1992 wurde das Mandat der UN-Schutztruppe Unprofor in Kroatien auch auf Bosnien-Herzegowina ausgeweitet. Das Dilemma der UN-Truppe bestand aber bis zum Ende des Krieges vom November 1995 darin, dass ihr Mandat auf den Friedenserhalt und den Schutz von Flüchtlingen begrenzt war: Doch in Bosnien-Herzegowna herrschte Krieg, ein Frieden hätte erst durchgesetzt werden müssen, wozu die Unprofor weder ausgerüstet noch befugt war. Auch Flüchtlinge und Zivilisten konnten die Unprofor-Blauhelme nicht effektiv beschützen. Nicht einmal das schlimmste Massaker des Krieges an 7.000 muslimischen Männern und Halbwüchsigen in der UN-Schutzzone Srebrenica in Ostbosnien konnten sie verhindern.

Die Wende im Krieg und schließlich auch den Frieden von Ende 1995 erzwangen die USA unter dem damaligen Präsidenten Bill Clinton. Zunächst erreichte Washington das Ende der Kämpfe zwischen Kroaten und Bosniaken, die sich angesichts ihrer Hilflosigkeit gegenüber den übermächtigen Serben einen "Krieg im Krieg" geliefert hatten. Im März 1994 kam es unter maßgeblicher Vermittlung Washingtons zur Gründung der bosniakisch-kroatischen Föderation in Bosnien-Herzegowina. Die Föderation sollte gut eineinhalb Jahre später neben der "Republika Srpska" zum zweiten Baustein des Friedensvertrags für Bosnien-Herzegowina werden.

Nato-Einsatz Doch zunächst mussten dazu die militärischen Kräfteverhältnisse am Boden verändert werden. Dies erreichten die USA und ihre Verbündeten in der Nato mit Luftangriffen auf serbische Stellungen ab April 1994 - der erste Kriegseinsatz der Nato seit ihrer Gründung - sowie durch die Truppen der bosniakisch-kroatischen Föderation, die im Frühjahr 1995 große Geländegewinne erzielen konnte. Bis Mitte 1995 war etwa der Frontverlauf erreicht, der später den Demarkationslinien im Friedensvertrag von Dayton vom November 1995 entsprechen sollten. Der Vertrag wurde Mitte Dezember in Paris unterzeichnet. Nach jüngsten Schätzungen starben während des Kriegs von April 1992 bis November 1995 rund 101.000 Menschen, mehr als eine Million Menschen wurden vertrieben.

Den Frieden in Bosnien-Herzegowina sicherten mit einem Mandat des UN-Sicherheitsrats zunächst Nato-Truppen. Seit 2004 ist eine multinationale Friedensmacht von Soldaten aus EU-Staaten in Bosnien-Herzegowina stationiert. Für die Durchsetzung der zivilen Bestimmungen des Vertrages von Dayton ist der Hohe Repräsentant für Bosnien-Herzegowina zuständig. Er verfügt über weitgehende Befugnisse, er kann demokratisch gewählte politische Führer entlassen, Gesetze erlassen oder aufheben. Von seinen Befugnissen macht der seit 2009 amtierende gegenwärtige Hohe Repräsentant, der Österreicher Valentin Inzko, aber kaum noch Gebrauch. Schließlich soll Bosnien-Herzegowina nicht für immer am Gängelband der Staatengemeinschaft geführt werden, sondern seine eigenen Wege gehen. Zum Beispiel in die EU: Den Aufnahmeantrag stellte das Land im Februar 2016. Doch bis zu einem tatsächlichen Beitritt zur EU ist es noch eine lange Reise.

In einem eminenten Sinn ist der Daytoner Friedensvertrag ein voller Erfolg: Der Frieden in Bosnien-Herzegowina hält seit mehr als 21 Jahren. Doch der Preis für das dauerhafte Schweigen der Waffen ist die unendlich komplizierte Verwaltungsstruktur. Der Gesamtstaat besteht aus zwei weitgehend autonomen Entitäten, der bosniakisch-kroatischen Föderation, die über 51 Prozent des Territoriums verfügt, sowie der "Republika Srpska" mit 49 Prozent des Territoriums. Dazu gibt es noch den Sonderdistrikt Brcko im Norden Bosniens, der als ein sogenanntes Kondominium beider Entitäten direkt der Verwaltung des Gesamtstaates Bosnien-Herzegowina in Sarajevo untersteht. Die Föderation ist ihrerseits in zehn Kantone unterteilt. (siehe Karte)

Das Korsett eines starren ethnischen Proporzsystems bei Wahlen und bei der Besetzung von politischen Posten lähmt die Entwicklung des Landes. Von dem ethno-politischen Dauerdeal profitieren korrupte Bürokraten und Politiker aller drei Volksgruppen, denen das "System Dayton" ein gutes Auskommen garantiert. Derweil schwelt der ethnische Konflikt weiter. So nimmt die "Republika Srpska" unter ihrem Langzeitführer Milorad Dodik immer mehr die Gestalt eines eigenständigen Staates an, der nur noch mit wenigen dünnen Fäden am Gesamtstaat Bosnien-Herzegowina hängt. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 60 Prozent bietet der Staat den nachwachsenden Generationen keine Zukunftsperspektive. Die jüngste Volkszählung vom Oktober 2013 hat nicht nur gezeigt, dass sich die ethnischen Verhältnisse leicht verschoben haben: Die Bosniaken stellen nun mit 50,1 Prozent die absolute Bevölkerungsmehrheit (gegenüber 43,7 Prozent 1991), während der Anteil der Serben leicht auf 30,8 Prozent (1991 waren es 31,2 Prozent) und jener der Kroaten stärker auf 15,4 Prozent (von 17,4 Prozent im Jahre 1991) zurückgegangen ist.

Bedeutender und bedrückender ist der Befund eines allgemeinen Bevölkerungsrückgangs: von 4,4 Millionen Einwohnern 1991 in der damaligen jugoslawischen Teilrepublik auf heute nur noch 3,5 Millionen im seit 25 Jahren unabhängigen und selbständigen Staat Bosnien-Herzegovina. Vor allem junge und gut ausgebildete Bosnier und Herzegowiner eint über alle ethnischen und religiösen Grenzen hinweg ein Wunsch: Ihrem von Korruption und Stagnation niedergehaltenen Heimatland den Rücken zu kehren.

Der Autor war von 1993 bis 2002 Balkan-Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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