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JUGOSLAWIEN
Alexander Heinrich
Das war zu schaffen

Deutschland nahm 350.000 Flüchtlinge auf

Eine Million Flüchtlinge machen sich noch auf den Weg, Hunderttausende quälen sich bereits von Engpass zu Engpass über den Balkan, die Europäische Gemeinschaft kneift, kann sich nicht auf Kontingente verständigen. Und Deutschland schwankt zwischen Hilfsbereitschaft, überforderten Kommunen und dem Ruf: "Grenzen dicht". Das Bild, welches das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" unter der Überschrift "Millionen sind auf dem Sprung" zeichnet, könnte aus dem Jahr 2015 stammen. Doch der Bericht datiert aus dem Sommer 1992 und beschreibt, wie sich damals eine Flüchtlingswelle während der Kriege nach dem Zerfall Jugoslawiens auf dem Balkan in Gang setzte - und Deutschland zur Zuflucht Hunderttausender wurde.

Zwischen 1991 und 1995 nahm die Bundesrepublik die meisten Bürgerkriegsflüchtlinge aus den Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens auf. 350.000 Menschen fanden hier ein vorübergehendes Zuhause, das sind doppelt so viele wie in allen anderen Staaten der Europäischen Union zusammen. Andere und bevölkerungsärmere Länder, darunter Österreich, die Niederlande, Schweden und die Schweiz, boten jeweils mehr Flüchtlingen Schutz als Frankreich und Großbritannien zusammen - und pro Kopf gerechnet nahmen diese Länder auch teils mehr auf als Deutschland. Weitere 300.000 Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina suchten Schutz in Serbien und Montenegro, rund 170.000 weitere in Kroatien. Insgesamt mussten 1,2 Millionen Menschen während des Bosnienkrieges zwischen 1992 und 1995 ihre Heimat verlassen. Allein der Krieg in Bosnien und Herzegowina kostete vermutlich mehr als 100.000 Menschen - Zivilisten und Soldaten - das Leben, der Großteil von ihnen waren Bosniaken. Von allen Konflikten beim dem Zerfall Jugoslawiens war dies der blutigste.

Die meisten der Flüchtlinge aus Bosnien und Herzegowina in Deutschland kehrten nach dem Friedensvertrag von Dayton wieder zurück in ihre Heimat: 1997 hielten sich laut Zahlen des UNHCR noch 250.000 in Deutschland auf, 1998 waren es knapp 100.000 und Ende 2011 waren es noch etwa 20.000, die als Härtefälle eingestuft länger oder dauerhaft in Deutschland bleiben konnten. Viele Flüchtlinge kehrten freiwillig zurück, aber die Behörden verhängten auch Ausreiseverpflichtungen oder sorgten für Abschiebungen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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