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Ortstermin: Der Flaggenwart des Bundestags
Eva Bräth
»Ich sehe überall Fahnen«

Wenn die Flaggen runter sollen, klettert er auf das Dach des Reichstagsgebäudes. Wenn ausländische Staatsgäste den Bundestag besuchen, sorgt er dafür, dass die richtige Fahne weht. José Cases ist der Flaggenwart des Bundestags. Gemeinsam mit einem Kollegen verwaltet er die wohl bekanntesten Flaggen der Republik. "Das klingt geschwollen, aber für mich ist diese Aufgabe eine Ehre", sagt der Spanier, der im Rheinland aufgewachsen ist. "Bei meiner Arbeit halte ich plötzlich das Symbol einer ganzen Nation in der Hand."

Zwölf Fahnen sind es, die tagein, tagaus vor und auf Gebäuden des Bundestags wehen: Vor den Portalen und auf den Türmen des Reichstagsgebäudes sowie in der Straße "Unter den Linden". Weil sie Wind und Wetter ausgesetzt sind, muss der Flaggenwart die Bundes- und Europaflaggen regelmäßig austauschen. "Normalerweise passiert das alle zwei bis drei Wochen", sagt Cases. "Je nach Witterung aber auch öfter." Die abgenommenen Flaggen werden gewaschen, genäht und erst nach mehrmaliger Nutzung ausgemustert. Abgelegte Flaggen stünden hoch im Kurs. "Es gibt sehr viele Anfragen von Bürgern, die die Fahnen kaufen möchten", erzählt der 47-Jährige. Möglich ist das aber nicht.

Aufs Dach muss der Flaggenwart auch, wenn eine Trauerbeflaggung angeordnet wird. Dann setzt er die Fahnen auf Halbmast. Am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und am Volkstrauertag ist das der Fall. Ebenso, wenn ein Abgeordneter verstirbt oder das Plenum eines verstorbenen Abgeordneten gedenkt. Hinzu kann eine vom Bundesministerium des Innern angeordnete Trauerbeflaggung kommen, etwa bei Unglücksfällen.

Ausgenommen von der Regel ist die "Flagge der Einheit" die auf dem Platz der Republik immer in 28,5 Meter Höhe weht. "Sie hat einen Denkmalcharakter", sagt Cases. Sechs mal zehn Meter groß ist das schwarz-rot-gelbe Tuch, so groß wie eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Cases und sein Kollege hängen die Fahne zu zweit in die Haken und achten darauf, dass sie bloß nicht den Boden berührt. Denn das bringt Unglück, heißt es.

Zuständig sind die Flaggenwarte auch für den Verleih der Tisch- und Innenraumfahnen, die die Abgeordneten für Ausschusssäle und Büros ausleihen. "So ein Fähnchen macht viel aus", sagt Cases überzeugt. Die Nachfrage sei sehr hoch. Mehr als 100 Raumflaggen und 120 der kleinen Tischfahnen lagern nach Nummern sortiert in einem Regal im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus: Von A wie Åland bis Z wie Zypern wird man fündig. Was noch nicht vorrätig ist, bestellt Cases. Auch wenn ein Land eine neue Flagge einführt, wie Georgien vor 13 Jahren, wird geordert. "Wir müssen politisch immer up to date sein", sagt Cases.

In einem Schrank lagern besondere Raritäten. "Das ist unser Nostalgieschrank", sagt er und lacht. Hier liegen die Überbleibsel nicht mehr existierender Staaten, darunter eine Flagge der DDR und des Sudans.

Seit 24 Jahren arbeitet Cases beim Bundestag. "Ich gehöre zum Inventar des Parlaments", scherzt er, der als Plenarsaalassistent außerdem Staatsgäste innerhalb des Bundestags begleitet. Man merkt ihm die Begeisterung für seine Arbeit an. Die sachgerechte Behandlung von Flaggen liegt ihm an Herzen, auch in der Freizeit. "Ich sehe überall Fahnen", sagt er. Oft falle ihm auf, dass Institutionen die Deutschlandfahne falsch herum geflaggt haben. "Das spreche ich dann an."Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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