Inhalt

Crowdworking
Claus Peter Kosfeld
Wo Maschinen den Menschen Aufträge erteilen

Schätzungsweise rund eine Million Menschen in Deutschland gehen einem Mikrojob nach. Der Markt entwickelt sich trotz schlechter Bezahlung dynamisch

Selbstbestimmt arbeiten ganz ohne zeitliche Vorgaben, projektbezogen, von zu Hause oder unterwegs, als einziges Arbeitsmittel ein Rechner mit Internetanschluss: Das klingt ein bisschen paradiesisch und damit gleich verdächtig. Früher hätte man ehrlicherweise von Gelegenheitsarbeitern gesprochen und damit das Kernproblem angedeutet: Die ebenso gelegentliche Bezahlung. Heute heißen die digitalen Tagelöhner Crowdworker oder Klickarbeiter, die dazugehörigen Jobs werden mit vielversprechenden Vokabeln umworben und allgemein als Mikrojobs oder Human Intelligence Tasks (HIT) bezeichnet.

Die dahinter stehende Anforderung ist erst einmal ermutigend, basiert sie doch auf der Erkenntnis, dass Computer viel können, aber eben nicht alles, was intelligente Menschen zu leisten in der Lage sind. Bei Übersetzungen etwa, der Textbearbeitung, Verschlagwortung von Bildern, Design- oder Programmieraufgaben fallen Jobs an, die noch "von Hand" erledigt werden müssen. Große Firmen wie die Telekom oder Amazon greifen deswegen schon seit Jahren neben eigenen Mitarbeitern auf die Masse an verfügbaren Crowdworkern zurück. Das Crowdsourcing, also die Auslagerung bestimmter Arbeiten an sehr viele externe Helfer, ist effektiv und billig.

Stetes Wachstum Nach einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie der Universität Kassel unter Leitung des Informatikprofessors Jan Marco Leimeister wächst das Arbeitsmarktsegment stark, genaue Angaben gibt es aber nicht. Nur über die Nutzerzahlen auf den rund 40 auch auf Deutsch verfügbaren Internetplattformen, die zur Vermittlung solcher Jobs entstanden sind, lässt sich indirekt auf den Gesamtmarkt schließen. So steigerte die 2005 gegründete Plattform "Clickworker" nach eigenen Angaben die Zahl ihrer Nutzer 2016 auf rund 800.000, sie kommen zu je einem Viertel aus Deutschland, Europa, den USA und anderen Teilen der Erde. Die IG Metall schätzt die Gesamtzahl der Crowdworker in Deutschland auf rund eine Million.

Die Forscher der Uni Kassel befragten für die Studie 434 Crowdworker und stellten fest, dass die meisten gut ausgebildet sind, die Hälfte der digitalen Jobber hatte einen Hochschulabschluss. Viele Befragte waren ledig und erklärten, sie arbeiteten bevorzugt abends oder nachts. Das Einkommen ist, insgesamt betrachtet, demütigend niedrig, allerdings werden nicht alle Dienstleister gleich schlecht bezahlt. Der Studie zufolge verdienen 70 Prozent der Clickkräfte weniger als 500 Euro im Monat, nach Abzug der Gebühren für die Plattform und vor Steuern. Das mittlere Monatseinkommen der nebenberuflichen Crowdworker wird in der Studie mit 326 Euro angegeben. Rund 20 Prozent der Befragten gaben an, hauptberuflich dieser Arbeit nachzugehen. Sie kamen im Mittel auf 1.500 Euro Einkommen im Monat. Nach Angaben des Arbeitsrechtlers Thomas Klebe wird beim Crowdsourcing der Mindestlohn für die offiziell selbstständigen Dienstleister systematisch unterlaufen. So liege auf Amazons Crowdworking-Plattform Mechanical Turk (Mechanischer Türke) der Stundenlohn im Schnitt bei 1,25 Dollar, sagte Klebe der IG Metall.

Der einst als Internet-Buchhändler gestartete Amazon-Konzern hat das Geschäftsmodell entwickelt und gilt als Pionier des Crowdsourcing, das sich seit rund zehn Jahren auch in Deutschland dynamisch entwickelt. Um Bücher und Schallplatten massenhaft auszeichnen zu können, startete Amazon Ende 2005 den Mechanical Turk, eine computergenerierte Jobplattform. Auf der Suche nach "Turkern" entwickelte sich eine allgemeine Vermittlungsstelle. Amazon stellt dabei nur die Software zur Verfügung, kümmert sich aber nicht um die jeweiligen Vertragsdetails, was die IG Metall kritisch sieht, weil Arbeitsbedingungen und Verlässlichkeit der Jobanbieter nicht transparent sind.

Keine Sozialstandards Robert Fuß, der sich bei der IG Metall mit dem Thema "Cloud und Crowd" befasst, sieht in diesem Markt neue Möglichkeiten, aber auch Risiken. Für manche Menschen seien Mikrojobs willkommen, weil sie aus verschiedenen Gründen auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Chance hätten. Andere genössen die zeitliche und räumliche Flexibilität und wollten keinen regulären Job. "Die können auf solchen Plattformen arbeiten und kein Mensch fragt nach dem Lebenslauf oder einer formellen Bewerbung."

Allerdings seien die Sozialstandards fragwürdig. So seien Mikrojobber formal selbstständig, "die gleiche Augenhöhe mit solchen Plattformen ist aber eine Fiktion". Entweder akzeptierten sie die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der Jobanbieter oder nicht. Auch Honorare könnten nicht frei vereinbart werden. Bei manchen Ausschreibungen gewinne nur einer, andere Teilnehmer bekämen nichts, obgleich sie geistiges Eigentum beisteuerten. Die Clickworker könnten sich nicht auf dieselben Sozialstandards berufen wie Arbeitnehmer. Daher fordert die IG Metall, dass Mikrojobber ein Mindestentgelt bekommen und Pflichtmitglied in der gesetzlichen Rentenversicherung sein sollten.

Inzwischen haben einige Plattformen Verhaltensregeln (Code of Conduct) beschlossen, um mehr Transparenz und eine faire Bezahlung zu gewährleisten. Die IG Metall hat eine Homepage (faircrowdwork.org) entwickelt, auf der Plattformen und AGBs bewertet werden. Der "Mechanische Türke" war im Übrigen eine "Wundermaschine" von 1770, die vorgeblich Schach spielen konnte. Auf dem Kasten saß eine Puppe im Türkengewand, innendrin wohl ein guter Schachspieler.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag