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Christiane Gothe
SmartFarming schafft Freiräume für Bauern

Drohnen und Melk-Roboter verändern die Branche

Wenig beachtet von der Öffentlichkeit ist die Digitalisierung der Landwirtschaft zu einem wesentlichen Faktor der Zukunftsfähigkeit der Agrarbetriebe geworden. Produktionsdaten jederzeit vom Smartphone abrufen, zentimetergenaues Arbeiten auf dem Feld oder die Kühe vom Wohnzimmer aus beobachten, wissen, was sie machen und wie es ihnen geht - das ist Landwirtschaft heute. Mindestens jeder fünfte Betrieb nutzt die neue Technik, bei Betrieben über 100 Hektar - erst ab dieser Größe gelten Betriebe in vielen Regionen als zukunftsfähig - ist es schon jeder dritte und die Entwicklung schreitet rasch voran. Über Maschinenringe, Lohnunternehmen und andere Dienstleister hat jeder Landwirt Zugang zu den neuesten Techniken. Dabei ist ihr Einsatz so vielfältig wie die Landwirtschaft selbst. Gerade die jungen und in der Regel sehr gut ausgebildeten Betriebsleiter setzen auf technische Lösungen. Dabei schätzen sie längst nicht nur die höhere Effizienz. Auch im Hinblick auf Ressourcenschonung und Umweltbelange ist SmartFarming von Bedeutung. Ein weiterer Aspekt ist die verbesserte Arbeitsplatzqualität: Weniger schwere körperliche Arbeit und mehr Bildschirmtätigkeit. Die veränderten Arbeiten erlauben zudem den Familien und Mitarbeitern zeitliche Freiräume durch mehr Flexibilität.

Präzise Produktion Von der Saatbettbereitung bis zur Ernte gewinnt die Präzisionslandwirtschaft durch Vernetzungen von Traktor und Arbeitsgerät sowie Einsatz von GPS und noch präziseren Messverfahren in der Pflanzenproduktion seit Jahren an Bedeutung. Mittels Sensoren werden zum Beispiel Bodenfeuchtigkeit, Temperatur und Nährstoffgehalt oder Erntemengen und -qualität erfasst. In Echtzeit dienen sie der Kontrolle und Optimierung von Produktionsprozessen und erlauben die bedarfsgerechte Versorgung von Boden und Pflanze. So wird umweltschonend und nachhaltig gewirtschaftet. Bodenschonend arbeiten auch elektronische Reifendruck-Regelanlagen. In Verbindung mit Luftspeichern erlauben sie ein schnelles Ablassen der Luft auf dem Feld und ebenso schnelles Wiederauffüllen der Reifen beim Verlassen des Feldes, um wieder sicher am Straßenverkehr teilnehmen zu können.

Auf großen Feldern sind ganze Flottenmanagementsysteme im Einsatz. Sie analysieren Fahrzeugpositionen oder den Betriebsstatus, wobei die Daten vom Computer oder Tablet abgerufen werden können. Dabei kann ein Traktor mit Präzisionsempfänger und Korrektursignal bis zu zwei Zentimeter genau gesteuert werden. Nährstoffe und Pflanzenschutz lassen sich präzise und ohne Überlappung ausbringen. Schon etwa die Hälfte der heute produzierten Mittelklassetraktoren ist mit einem GPS-Empfänger ausgestattet. Sensortechnik, Elektronik und Software machen bei Landmaschinen nach Angaben des Vereins Deutscher Ingenieure schon heute rund 30 Prozent der Wertschöpfung aus, wogegen es in der Autobranche nur zehn Prozent sind.

Auch Drohnen haben Eingang in die landwirtschaftliche Praxis gefunden. Sie unterstützen durch Infraroterkennung das Monitoring und bieten neue Möglichkeiten für die Rettung von Rehkitzen im Feld vor dem Einsatz der Erntemaschinen. Verwendet werden sie auch in der biologischen Schädlingsbekämpfung, in dem von ihnen die Eier der hier nützlichen Schlupfwespe abgeworfen werden.

Melk-Roboter Im Stall sind autonome Komponenten und komplett automatisierte Systeme weit verbreitet. Dazu gehören Melk-Roboter, Roboter zur Vorlage des Grundfutters, Spaltenreiniger oder Fütterungsautomaten. Heute dürften schätzungsweise in 4.000 Betrieben Melk-Roboter im Einsatz sein. Bei einem Neukauf von Melktechnik entscheidet sich mittlerweile mehr als jeder zweite Milchviehhalter für ein Automatisches Melksystem. Dabei suchen die Kühe eigenständig den Melkstand auf. Das Melkgeschirr wird automatisch mittels Ultraschall, Laser und optischen Sensoren an das Euter der Kuh gehängt. Melkroboter sind mit einer umfangreichen Datenerfassung ausgestattet, die auch Aussagen zum Gesundheitsstatus der Kuh zulässt. Möglich wird das durch Transponder, die die Kühe meist am Fesselgelenk tragen. Durch die Digitalisierung und die damit mögliche Rückverfolgbarkeit gewinnt das Einzeltier auch in großen Beständen wieder mehr Bedeutung; ebenso in der Schweinehaltung. Die permanent erfassten und ausgewerteten Gesundheitsparameter machen es ermöglich, schneller auf Unstimmigkeiten zu reagieren.

Die Technik bietet Landwirten mehr Freiheiten. Ein Milchviehhalter muss heute nicht mehr täglich zu festen Zeiten im Stall stehen, er kann sich um andere Aufgaben kümmern und um die Familie. Ebenso schätzt das zunehmend eingestellte und nicht selten akademisch ausgebildete Fremdpersonal einen attraktiven Arbeitsplatz. Die neuen Aufgaben bestehen vor allem darin, die Daten sinnvoll auszuwerten. Von verschiedenen Seiten wird an vernetzten Systemen gearbeitet, um die Prozessabläufe weiter zu optimieren. Damit ergeben sich mit der Digitalisierung auch Beiträge zur Qualitätssicherung entlang der gesamten Wertschöpfungskette; auch zum Vorteil des Verbrauchers.

Die größte Herausforderung ist die Klärung der Fragen zu Datenhoheit und Datensicherheit - und die Verfügbarkeit großer und schneller Datenleitungen im ländlichen Raum.

Die Autorin ist freie Fachjournalistin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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