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Arbeitsagentur
Susanne Kailitz
»Wir arbeiten heute deutlich serviceorientierter«

Ein Gespräch mit der Dresdner Arbeits-vermittlerin Dörthe Karnowsky über den Wandel ihres Berufes

Frau Karnowsky, Sie sind seit 15 Jahren in der Arbeitsvermittlung tätig. Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag in dieser Zeit verändert?

Grundsätzlich ist unsere Aufgabe zwar die gleiche geblieben: Wir helfen Menschen dabei, wieder in Arbeit zu kommen. Aber die Bundesagentur arbeitet heute deutlich serviceorientierter als früher, das Angebot an Beratung und Betreuung ist größer.

Und die Arbeitsbelastung?

Die Zahl der Bewerber, die ich zu betreuen habe, ist gesunken. Vor zehn Jahren war ich für rund 400 Bewerber zuständig. Heute kümmere ich mich um etwa 100 bis 150 Menschen, damit ist der Kontakt sehr viel intensiver und individueller möglich.

Wie ist eigentlich der Ablauf, wenn jemand zu Ihnen kommt?

Wir gehen erst einmal ausführlich durch, wo die Bewerber herkommen - was können sie, wo liegen ihre Stärken, welche Möglichkeiten gibt es? Bei denen, die nicht schnell wieder in einen Job kommen, schauen wir, welche Unterstützung möglich und sinnvoll ist, und schauen dann, wie wir das hinkriegen; die Möglichkeiten sind zahlreich. Angefangen bei Hilfen zur Erstellung von Bewerbungsunterlagen, aber auch Qualifizierungen oder beispielsweise Eingliederungszuschüsse.

Wie hat sich die Klientel in den vergangenen Jahren gewandelt?

Die Zahl der Menschen, bei denen die Problemlage komplexer ist, die man nicht einfach schnell vermitteln kann, ist gewachsen. Es gibt aber auch viele Bewerber, die sich arbeitssuchend oder arbeitslos melden und schon den nächsten Job in Aussicht haben. Es gibt Branchen, etwa den IT-Bereich oder die Pflege, da werden uns die Bewerber quasi aus den Händen gerissen.

Und die Ansprüche der Arbeitgeber?

Das ist ganz sicher abhängig von der Region und der Branche. Für Dresden kann ich sagen, dass der demographische Wandel und der damit verbundene Fachkräftebedarf beispielsweise im Bereich Metall/Elektro deutlich spürbar ist und es für die Unternehmen wirklich schwer ist, Arbeitskräfte zu finden. Das führt dazu, dass sie Abstriche in ihren Ansprüchen machen.

Bei der Arbeitsvermittlung läuft heute vieles digital. Was heißt das für den Alltag?

Die Abläufe sind deutlich einfacher geworden. Die Bewerber, die sich technisch gut auskennen, finden das gut. Für die, die sich schwer damit tun, gibt es alle Formulare und Informationen natürlich auch noch in Papierform.

Vermitteln Sie heute in Berufe, die es früher gar nicht gab?

Ja. Zum Beispiel gibt es erst seit 2006 die Ausbildung zur Kauffrau für Dialogmarketing - das, was man landläufig Callcenter-Agent nennt. Das ist vielleicht am ehesten vergleichbar mit dem Beruf der Telefonistin - aber die Aufgaben sind viel komplexer. Grundsätzlich sehen wir fast überall eine Arbeitsverdichtung und eine Technisierung der Tätigkeiten, die so genannten Helfertätigkeiten werden immer seltener nachgefragt. Andere Berufe sterben einfach aus. Nehmen Sie ein Beispiel aus dem sehr spezialisierten Handwerk: Es gibt ja kaum noch Täschner oder Feinsattler.

Sind die Ansprüche Ihrer Kunden gewachsen?

Ja. Das liegt aber natürlich auch daran, dass sie heute mehr erwarten können. Gleichzeitig kommen viele Bewerber, die sich vorher schon gut informiert haben und genaue Vorstellungen davon haben, wie es weitergehen soll.

Bringen Sie manchmal Arbeitslose auf Ideen für einen Job, den sie selbst gar nicht im Auge hatten?

Ja, das gehört zum täglichen Geschäft. Gerade, wenn ältere Leute kommen und hoffen, dass wir eine Bürotätigkeit für sie finden. Da ist das Angebot einfach klein. Man muss also den Arbeitsmarkt kennen und kann in Verbindung mit den Voraussetzungen, die die Bewerber mitbringen, nach Alternativen suchen.

Haben es Akademiker einfacher?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Es gibt natürlich Studiengänge im IT-Bereich und in den technischen Fächern, deren Absolventen sehr gesucht werden. Wenn da jemand arbeitslos wird, sehen wir den in der Jobvermittlung meist gar nicht. Aber in den Geisteswissenschaften sieht es anders aus. Mit einem Philosophiestudium eine Stelle zu bekommen, ist nicht garantiert.

Was braucht es eigentlich, um eine gute Jobvermittlerin zu sein?

An erster Stelle Empathie und Verständnis für die Lage, in der sich mein Gegenüber befindet. Dann sollte man sich in der Arbeitswelt gut auskennen, ich brauche ein wirklich großes berufskundliches Wissen.

Das Gespräch führte Susanne Kailitz.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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