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Interview
Florian Zimmer-Amrhein
»Eine familienfreundliche Unternehmenskultur«

Der BDA-Arbeitsmarktexperte Alexander Böhne lehnt die geplanten Arbeitszeitgesetze ab

In deutschen Unternehmen herrscht immer noch eine starke Anwesenheitskultur. Gerade bei jungen Menschen und Eltern mit kleinen Kindern ist der Wunsch nach flexibleren Arbeitsmodellen, etwa befristeter Teilzeit oder Home-Office, groß. Besteht hier Nachholbedarf?

Die deutsche Wirtschaft hat eine starke industrielle Basis, insofern gibt es hier noch viele Berufsfelder, in denen mobiles oder zeitlich flexibles Arbeiten nicht oder nur begrenzt möglich ist. Dort, wo flexible Arbeitsmodelle möglich sind, werden sie in der Regel auch angeboten. Die Frage ist aber auch: Was wünscht sich die Mehrheit der Beschäftigten wirklich? Neuste Untersuchungen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass 93 Prozent der Beschäftigten in Deutschland ihre Arbeitszeit nicht verändern wollen, was ein Beleg dafür ist, dass die Personalpolitik und Arbeitszeitgestaltung in deutschen Unternehmen funktioniert. Wir sind also gut aufgestellt.

Insbesondere Mütter sind auf dem Arbeitsmarkt noch immer klar benachteiligt. Brauchen wir eine familienfreundlichere Unternehmenskultur?

Eine familienfreundliche Unternehmenskultur haben wir bereits. Was wir vielmehr brauchen, sind vor allem mehr hochwertige, bedarfsgerechte und bezahlbare Ganztagskitas und Ganztagsschulen. Gäste bedienen, Busse steuern, Menschen pflegen - das alles sind berufliche Tätigkeiten, die mit den üblichen Öffnungszeiten von Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflegestellen in der Regel nicht kompatibel sind. Hier kommt der Arbeitgeber mit flexibler Arbeitszeit und Arbeitsorganisation schnell an seine Grenzen.

Ein Projekt von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles ist das sogenannte Rückkehrrecht in Vollzeit nach befristeter Teilzeit. Die BDA lehnt den Gesetzentwurf ab. Warum?

Fakt ist doch: Ein Grund für den Verbleib in "unfreiwilliger" Teilzeit sind vor allem fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Knapp 90 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen gehen aus privaten Gründen keiner Vollzeittätigkeit nach, zum Beispiel wegen familiärer Verpflichtungen wie Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen.

Ebenfalls in Planung befinden sich das Familiengeld und die Familienarbeitszeit. Sinnvoll oder nicht?

Mit einer gesetzlichen Familienarbeitszeit soll wieder ein neuer Anspruch für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeit geschaffen werden, ohne dabei die betrieblichen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Unser Kritikpunkt daran ist auch: Partnerin und Partner arbeiten in den seltensten Fällen im selben Unternehmen. Wie soll die Personalplanung damit umgehen, dass in dem einen Unternehmen der Vater entscheidet, ich arbeite weniger, und in dem anderen Unternehmen die Mutter entscheidet, ich arbeite mehr? Daher muss gelten: Vereinbarungen auf betrieblicher Ebene bringen die Interessen von Beschäftigten und Arbeitgebern in Einklang und müssen Vorrang vor gesetzlichen Regelungen haben.

Geht es dabei nicht eher darum, mehr Chancengleichheit für Frauen zu schaffen?

Das hat mit Chancengleichheit erst einmal wenig zu tun. Chancengleichheit haben wir, wenn die Politik konsequent die richtigen Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf setzt. Es ist schon ein wenig widersprüchlich, wenn mit Familiengeld und Familienarbeitszeit eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit gefördert werden soll, es aber andererseits nach wie vor Anreize im Sozial- und Steuerrecht gibt, die eine umfangreiche Erwerbstätigkeit und ähnliches Einkommen beider Ehepartner als nicht lohnenswert erscheinen lassen. Gerade in Bezug auf die Rentendiskussion, dem sogenannten Gender Pay Gap und den Fachkräftemangel ist es wünschenswert, wenn gerade mehr Frauen Vollzeit oder vollzeitnah arbeiten könnten. In anderen Ländern wie Frankreich und Skandinavien ist dies längst Realität.

Das Interview führte

Florian Zimmer-Amrhein.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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