Inhalt

gesundheit
Claus Peter Kosfeld
Die stillen Leiden der Frisöre

Auf dem langen Berufsweg lauern diverse Gesundheitsrisiken. Manchmal hilft nur noch der Ausstieg

Beruflich bedingte Krankheiten sind ebenso vielfältig wie scheußlich. Wer als junger Mensch eine berufliche Laufbahn einschlägt, denkt sicher selten über das Gesundheitsrisiko nach, das der Job noch so mit sich bringen könnte. Dabei wäre ein kritischer Blick in die Zukunft in einigen Fällen durchaus angebracht. Keine Frage: Arbeiten kann krank machen, nicht arbeiten allerdings auch (siehe Interview unten). Allein die schiere Masse an geleisteter Arbeitszeit über Jahrzehnte hinweg ist für Körper und Geist alles andere als gesund. Wer heute mit 65 Jahren in den Ruhestand geht, ist häufig nicht nur ausgelaugt, sondern unter Umständen sogar körperlich oder psychisch stark angeschlagen.

Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren ergeben sich aus ergonomischen Faktoren (sitzen, stehen), einseitigen körperlichen Belastungen (heben), der Arbeitsumgebung (Lärm, Luft) psychischen Belastungen (Zeitdruck), der Arbeitsorganisation (Überlastung) sowie dem Sozialverhalten im Job (Vorgesetzte, Kollegen). Es kann also viele Gründe geben, weshalb Mitarbeiter krank werden. Nicht wenige Arbeitnehmer kapitulieren denn auch schon weit vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter, und nicht, weil sie etwa Weicheier wären, sondern weil sie von einer der offiziell anerkannten Berufskrankheiten in die Knie gezwungen wurden. In der Anlage zur Berufskrankheitenverordnung (BKV) sind derzeit in sechs Gruppen insgesamt 77 Leiden aufgeführt, die zu Leistungsansprüchen der Berufsgenossenschaften oder der Unfallversicherung führen können.

Typische Leiden Unterschieden wird zum Beispiel in chemische oder physikalische Einwirkungen (u.a. Meniskus- oder Bandscheibenschäden, Druckluft, Lärm und ionisierende Strahlen) sowie Haut- oder Infektionskrankheiten, von denen auch gerade Beschäftigte in Gesundheitsberufen betroffen sein können.

Als Berufskrankheit anerkannt werden nur Leiden, die typischerweise bei bestimmten Tätigkeiten auftreten. Wer im Beruf krank wird, fällt deswegen noch nicht automatisch in diese Kategorie. Ein weiterer Haken: Psychische Störungen, die in einigen der als "riskant" eingestuften Berufe auch eine Rolle spielen, fallen nicht unter die BKV-Liste. Dabei sind psychische Erkrankungen nach solchen des Muskel-Skelett-Systems und Atemwegsleiden die dritthäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage), Tendenz stark steigend. Nach einer Analyse der DAK von 2016 ist der "Anstieg der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen eine der auffälligsten Entwicklungen in Bezug auf die Krankenstandskennziffern in den letzten Jahren". Viele Fälle sind langwierig, manche enden in der Berufsunfähigkeit, Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Ist die Erwerbsfähigkeit dauerhaft ganz erheblich gemindert, kann eine Erwerbsminderungsrente (EM-Rente) beantragt werden. Die Zahl der EM-Renten ist wegen verschärfter Anspruchsvoraussetzungen zwischen 1996 (280.000) und 2006 (160.000) stark gefallen, steigt seit 2007 aber wieder leicht an. Um Berufskrankheiten zu verhindern, sollen die Unfallversicherungsträger "dieser Gefahr mit allen geeigneten Mitteln entgegenwirken", notfalls dadurch, "dass die Versicherten die gefährdende Tätigkeit unterlassen", wie es in der Verordnung heißt.

Riskantes Handwerk Zu den "gefährlichsten" Berufen zählen einige aus dem Handwerk. So erhalten mehr als 50 Prozent der Gerüstbauer und Dachdecker im Laufe ihres Berufslebens eine EM-Rente. Es gibt aber auch Berufe, deren Gesundheitsrisiko allgemein stark unterschätzt wird. Das trifft nach Ansicht des Arbeitsmediziners Professor Albert Nienhaus vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) auf den Frisörberuf zu, der gleich mehrere Risiken vereint: Frisöre stehen meist, müssen beim Arbeiten ungünstige Bewegungen ständig wiederholen, arbeiten unter Zeitdruck, sind Haut belastender Feuchtarbeit ausgesetzt und Stoffen mit allergieauslösenden Eigenschaften etwa beim Färben, Bleichen oder beim Legen einer Dauerwelle.

Nienhaus hat in einem Forschungsprojekt festgestellt, dass durch den Verzicht auf die "saure Dauerwelle", Haarfärbemittel in feuchter statt Pulverform sowie Schulungen zum besseren Arbeitsschutz die Zahl der Frisöre, die ihren Job wegen Haut- oder Lungenkrankheiten aufgeben mussten, deutlich zurückgegangen ist. Das Restrisiko ist aber auch so noch groß genug. So komme es bei Frisören "zu relevanten Belastungen für den Bewegungsapparat". Durch das Hantieren über Schulterhöhe, andere Fehlstellungen sowie sehr häufig wiederholte Bewegungen im Handgelenk werden Rücken, Schultern, Nacken, Arme und Hände belastet. Sehnenscheidenentzündungen und das Karpaltunnelsyndrom, eine Art Nervenquetschung mit Taubheitsgefühlen in der Hand, Schmerzen und dem möglichen Verlust feinmotorischer Fähigkeiten, können die Folge sein, Rücken- und Kopfschmerzen kommen häufig hinzu.

Ständige Überforderung Die beruflich bedingten Schädigungen der Frisöre werden nach Einschätzung des Mediziners spätestens im Alter von 50 ein ernstes Problem, oft auch schon früher. Dabei könnten die Risiken durch ergonomisch gestaltete Salons zumindest verringert werden. So stünden nicht in jedem Frisörladen höhenverstellbare Stühle bereit, und auch der Waschplatz sei meist nur an den Bedürfnissen der Kunden ausgerichtet, nicht der Frisöre. "Da ist noch viel Luft nach oben", meint Nienhaus.

Gravierende gesundheitliche Risiken beinhaltet auch die Alten- und Krankenpflege, für die derzeit händeringend nach Personal gefahndet wird. In diesem Berufsfeld ist die Kombination von physischen und psychischen Gefahren markant. Zu den bekannten Hebe-Risiken gesellen sich Herz-Kreislauf-Probleme infolge von Nacht- und Schichtarbeit sowie psychische Belastungen unter anderem bei der Betreuung dementer Menschen. In Krankenhausstationen für Demente und in Pflegeheimen komme es relativ häufig zu gewaltsamen Übergriffen der Patienten auf die Pflegekräfte, berichtet Nienhaus und spricht von einem Tabuthema. Dadurch fühlten sich viele Pflegekräfte psychisch stark belastet. Hinzu komme die körperliche Überlastung, wenn beispielsweise Hilfsmittel zur Versorgung bettlägeriger Patienten entweder nicht verfügbar seien oder unter Zeitdruck gar nicht genutzt würden. Der Arbeitsmediziner folgert: "Als Pflegekraft bis 65 voll durchzuarbeiten, ist schon für viele ein Riesenproblem."

Entlastung gefordert Auch die Dortmunder Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat das Problem erkannt und in einer Analyse untermauert. So seien die psychischen Arbeitsanforderungen in der Alten- und Krankenpflege "fast durchweg erhöht". Folge seien Überforderung und Stress. Dies trage dazu bei, dass der Anteil älterer Pflegekräfte gering ausfalle und ein großer Ausstiegswunsch bestehe.

Nach Ansicht von Nienhaus ist das Bewusstsein für die Gesundheitsgefahren am Arbeitsplatz in Deutschland noch immer mangelhaft ausgeprägt. Die Arbeitsbedingungen müssten so gestaltet werden, dass der Job auch im höheren Alter zu schaffen sei. Dazu müssten ältere Arbeitnehmer gezielt entlastet werden, etwa durch Stundenreduktion oder das sogenannte Jobenrichment, also mehr eigenverantwortliche Aufgaben, während Jüngere die anstrengendere Basisarbeit verrichten.

Mit Blick auf ältere Arbeitnehmer kommt auch die BAuA zu dem denkwürdigen Schluss, dass die demografisch bedingte Notwendigkeit, länger zu arbeiten, nur dann ermöglicht werden könne, "wenn die Arbeitsfähigkeit im Alter erhalten bleibt". Dazu seien "die Arbeitsbedingungen an älter werdende Belegschaften anzupassen, um ein gesundes Altern bei der Arbeit zu ermöglichen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag