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Nelly Ritz
Pack die Badehose ein

Viele Menschen erholen sich mit TV und Internet

Noch vor 70 Jahren bestand der Alltag der meisten Menschen in Deutschland im Wesentlichen aus Arbeit. Die Arbeiter hatten weder Urlaubsansprüche noch freie Wochenenden. Die Gewerkschaften bewirkten schließlich in teilweise heftigen und langwierigen Arbeitskämpfen deutliche Verbesserungen für Arbeiter und Angestellte. So setzten sich in Deutschland und Europa allmählich neue Sozialstandards durch. Im 20. Jahrhundert halbierte sich die durchschnittliche Arbeitszeit in Europa schrittweise von 78 auf 39 Stunden pro Woche. 1955 warb der DGB offensiv für die Fünf-Tage-Woche mit 40 Stunden unter dem Slogan "Samstags gehört Vati mir". 1967 wurde die Gewerkschaftsforderung in der Metallindustrie dann Realität.

Damit war das Tor zur "Freizeitindustrie" offen, ein heute milliardenschwerer Markt mit Tausenden Jobs und zahllosen Angeboten. So lagen die Ausgaben der privaten Haushalte in Deutschland für Freizeit, Unterhaltung und Kultur 2015 bei rund 146 Milliarden Euro. Allein der Tourismus ist ein riesiger, ständig wachsender Markt. Die stark verschachtelte Freizeitbranche lockt mit diversen Ideen zur Selbstverwirklichung nach dem Arbeitstag und am Wochenende, darunter Fitnessstudios, Wellnessangebote, Vereinssport oder auch "Escape Rooms", um einfach mal alles hinter sich zu lassen.

"Man darf allerdings nicht vergessen, dass 90 Prozent der Umsätze der Freizeit- und Tourismusindustrie auf ein Drittel der Gesellschaft zurückzuführen sind", sagt Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien. Zwei Drittel verbrächten ihre Zeit weniger konsumorientiert. Auch nach Berechnungen der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen gönnen sich 97 Prozent der Deutschen in ihrer Freizeit vor allem eine Fernseh-Pause, dicht gefolgt von Internetnutzung und Telefonaten. Medien und Technik dominieren den Alltag.

Laut einer Studie der OECD verbringt die deutsche Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 64 Jahren nur noch 18 Prozent ihrer Zeit mit Arbeit oder Ausbildung. Jedoch gibt es auch viele Menschen, die lieber auf etwas Freizeit verzichten und stattdessen einer fair bezahlten Arbeit nachgehen würden, wenn der Arbeitsmarkt dies denn hergäbe.

Vollzeitbeschäftigte in Deutschland arbeiten derzeit im Schnitt 41,4 Stunden pro Woche. Mit steigendem Einkommen spiele der "Zeitwohlstand" eine immer größere Rolle, sagt der Tarifexperte Norbert Reuter von der Dienstleistungsgewerkschaft verdi. Deshalb gehe es bei den Tarifverhandlungen wieder stärker um das Thema Arbeitszeit, jedoch gekoppelt an die Forderung nach höheren Löhnen, denn: "Arbeitszeitverkürzung muss man sich auch leisten können." Der Gewerkschafter gibt zu bedenken, dass der in den vergangenen Jahrzehnten massiv ausgebaute Freizeitanteil ohne den Produktivitätsanstieg als Folge des technischen Fortschritts nicht möglich gewesen wäre. "Der hätte auch genutzt werden können, um mehr zu produzieren. Aber offensichtlich war den Menschen die Freizeit wichtiger."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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