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Downshifting
Eva Bräth
Komm mal runter!

Die pragmatische Variante des Aussteigens aus dem Beruf setzt auf den bewussten Verzicht. Als Belohnung gibt es Zeit für andere Dinge

Mit Ende 30 eine Bilderbuchkarriere hinlegen - davon träumen viele. Arnd Corts, Wirtschaftsingenieur aus Hagen, kann das. Nach dem Studium steigt er als Marketingleiter in ein mittelständisches Unternehmen ein und hat später die Möglichkeit, Unternehmensanteile zu kaufen und die Geschäftsleitung zu übernehmen - und entscheidet sich dagegen. Er wird nicht Chef, sondern "Downshifter". "Die Situation hat mich dazu gebracht, noch einmal sehr grundsätzlich über das Leben nachzudenken", sagt Corts. "Ich habe festgestellt, dass ich meine Zeit mit Dingen verbrachte, die ich nicht gut kann und nicht gut mache." Statt die Karriereleiter einen weiteren Schritt nach oben zu gehen, kündigt er und macht sich selbständig.

Downshiften bedeutet runterschalten, freiwillig und bewusst auf Geld zu verzichten, um Zeit für anderes zu haben. Soziale Sicherheit und Konsum tauschen Downshifter gegen selbstbestimmte Zeit. Die vom Wirtschaftsphilosophen Charles B. Handy geprägte Idee entwickelte sich in den 1990er Jahren in verschiedenen Industriegesellschaften, insbesondere in Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Aus-tralien. Ihre Vertreter kommen aus der Mitte der Gesellschaft. Sie wollen zwar raus aus dem Hamsterrad von Karriere und Stress, aber nicht radikal aussteigen. Grundsatzkritik an der kapitalistischen Wirtschaftsweise gehört nicht in ihr Repertoire. "Die Kultur der Aussteiger bildet die politische Vorlage", sagt Corts. "Aber man hat sie sozusagen vom ideologischen Ballast befreit und sich auf eine ultrapragmatische Sichtweise eingelassen."

Corts ist Downshifter, lange bevor er den Begriff zum ersten Mal hört. Hierzulande wird das Konzept erst Jahre später prominent. Der damals 39-Jährige beginnt mit dem Online-Vertrieb von Sportartikeln und bildet sich zum Coach weiter. Er hat Freude an der neuen Arbeit und mehr Zeit für Ehefrau und die beiden Kinder. Denn er arbeitet nun nicht mehr 50, sondern 30 Stunden wöchentlich.

14 Jahre sind seit seiner Entscheidung vergangen. Inzwischen hat sich Corts einen Namen als Downshifting-Coach gemacht und berät Menschen, die ihre berufliche Situation verändern wollen. Er hilft ihnen bei der Suche nach Prioritäten: Was sind meine Ziele? Welches Leben will ich führen? Wie viel Geld muss ich dafür verdienen? Wie gut passt mein Job zu meinen Zielen? "Besonders viele Anfragen hatte ich nach dem Börsencrash 2008", erzählt Corts. "In der Wirtschaftskrise fragten viele Banker plötzlich nach der moralischen Seite ihres Tuns und stellten die Sinnfrage."

Keine Kopiervorlage Seinen Rat suchen Menschen aus ganz verschiedenen Branchen, darunter sind Top-Manager ebenso wie Angestellte aus dem Pflegebereich. Sie haben zu wenig Zeit für sich selbst oder die Familie, gesundheitliche Folgen des Arbeitsstresses machen sich bemerkbar oder der Kollaps droht bereits. Die Ergebnisse seien sehr individuell. Nicht immer ist dafür die Kündigung oder ein Branchenwechsel notwendig oder geeignet. "Downshifting kann dosiert werden", erklärt er. Hochrangige Manager oder Geschäftsführer würden sich oft dafür entscheiden, einen Tag im Homeoffice zu arbeiten. "Das fühlt sich für viele schon wie das reine Paradies an", sagt Corts. Andere geben die Führungsposition auf, wechseln in Teilzeit oder hören ganz auf. "Es gibt keine Kopiervorlage, wie ich in sechs Monaten zum Downshifter werde", sagt Corts. Wichtig sei für ihn, zielorientiert zu planen. Dass jemand von heute auf morgen alles über den Haufen werfe, sei selten. "Das funktioniert bei Leuten, die einen Prominentenstatus haben oder von Haus aus viel Geld mitbringen."

Bekannt sind vor allem die Geschichten von ehemaligen Spitzenkräften, die zu radikalen Downshiftern wurden. Etwa die von Angie Sebrich, die frühere Kommunikationschefin des Musiksenders MTV. Sie wollte wieder ein Leben abseits der Geschäftstermine und entschied, gemeinsam mit ihrem Ehemann eine Jugendherberge in Bayern zu leiten. Heute verdient sie ein Drittel ihres früheren Gehaltes - und ist zufrieden, wie sie in Talkshows beteuert. Fürs Herunterschalten entschied sich auch Claus Rottenbacher, einst Star der New Economy und einer der ersten Energiemakler auf dem liberalisierten Strommarkt. Bei ihm ging es immer schneller, weiter, höher - bis er mit 36 Jahren am Burnout-Syndrom erkrankte. Wieder gesund beschloss er, nicht an den Schreibtisch zurückzukehren. Stattdessen arbeitet er nun als Fotograf.

Ist das berufliche Runterschalten also ausschließlich eine Option für Besserverdiener? Corts widerspricht: Leisten könne sich Downshifting jeder, der keine Schulden habe. "Es ist eine Kopfsache. Man muss mehr mit den Denkprozessen arbeiten, weniger mit den äußeren Umständen", sagt er. Trotzdem verpasse er manchmal Dämpfer. Denn der Konflikt mit dem Vorgesetzten oder der Jobverlust löse oft den Wunsch nach Downshifting aus. "Eine kurzfristige berufliche Krise sollte nicht Anlass sein, das komplette Leben umzukrempeln", meint er. "Das ist nicht nachhaltig."

Grundsätzlich will laut "Arbeitszeitreport 2016" fast die Hälfte der abhängig Beschäftigten in Deutschland ihre Arbeitszeit reduzieren. In der von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) herausgegebenen Studie sind es vor allem die Vollzeitbeschäftigten, die diesen Wunsch äußern: 55 Prozent von ihnen wollen durchschnittlich zehn Wochenstunden weniger arbeiten. Unter den Teilzeitbeschäftigten sind es noch 18 Prozent. Wenn Vollzeitbeschäftigte weniger arbeiten wollen, möchten sie nicht unbedingt in eine Teilzeitbeschäftigung wechseln. Oft geht es darum, Überstunden zu reduzieren. Den Daten der BAuA zufolge arbeiten sie durchschnittlich 43,5 Wochenstunden - und damit knapp fünf Stunden pro Woche länger als ihr Arbeitsvertrag es vorsieht. Den wenigsten scheint es zu gelingen, das zu ändern: Die Mehrarbeit, die Arbeiter und Angestellte in Deutschland leisten, steigt vielmehr laut dem Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) seit Jahren. Im Jahr 2016 verrichteten die rund 32 Millionen Beschäftigten 820,9 Millionen bezahlte sowie 941,2 Millionen unbezahlte Überstunden. Laut einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) verzichtet sogar jeder dritte Arbeitnehmer auf Urlaubstage. Besonders diejenigen, die um den Job bangen, seien dazu bereit. Dieser Trend hat aber auch eine Kehrseite: Mehr als ein Drittel der Teilzeitbeschäftigten würde gerne länger arbeiten. Etwa ein Viertel davon, vor allem Frauen, findet es schwierig, mit dem aktuellen Haushaltseinkommen über die Runden zu kommen.

Tatsächlich sind Downshifter hierzulande Ausnahmeerscheinungen. Die Hürden auf dem Weg zu weniger Arbeit erscheinen manch einem plötzlich unüberwindbar: Finanzen, Verpflichtungen gegenüber der Familie, die Suche nach Anerkennung stehen dem Herunterschalten entgegen. Die Blockade müsse aber nicht sein, ist Corts überzeugt. "Man kann auch mit Familie downshiften. Ich hatte zwei kleine Kinder und gerade gebaut." Ein Teil seiner Bekannten wendete sich damals von ihm ab. "Das macht aber nichts. Das war genau die Art von Menschen, die ich loswerden wollte", sagt er und lacht.

Umdenken in Betrieben Downshifting ist eine individuelle Entscheidung, die Folgen von Überstunden und Stress trägt aber auch die Gesellschaft. Längere Arbeitszeiten und Überstunden bedeuteten mehr Termin- oder Leistungsdruck, Überforderung und Pausenausfall, heißt es in der Studie des BAuA. Wer mehr arbeitet, klagt häufiger über gesundheitliche Beschwerden und fehlt öfter bei der Arbeit.

"Burnout ist ein Riesenproblem in der Industrie. Und eines das richtig teuer ist", sagt Corts. Er leitet auch Stresspräventionsseminare in Unternehmen, seit etwa zehn Jahren beobachtet er, dass in Betrieben ein Umdenken stattfinde. Ein Gesundheitstag für Mitarbeiter hier, ein Wochenendseminar da - da sind die gängigen Ansätze, während grundsätzliche Änderungen nur sehr zögerlich umgesetzt werden. "Mit Mitteln der Vergangenheit gegenwärtige und zukünftige Probleme zu lösen, wird nicht funktionieren", sagt Corts.

Besonders gefährdet von Arbeitsbelastungen und Stress seien junge Arbeitnehmer bis 39 Jahre, führt eine Studie der Krankenkasse "pronova BKK" aus. "Diese jungen Generationen sind von der Flexibilisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt besonders stark betroffen", sagt Gerd Herold, Arbeitsmediziner der Krankenkasse. "Gleichzeitig ist der Job für sie besonders identitätsstiftend, so dass sie vollen Einsatz bringen wollen und dabei die eigenen Belastungsgrenzen häufig zu spät erkennen", erklärt er.

Tatsächlich zählen besonders viele junge Menschen zu Corts Kunden. Er zeichnet aber ein anderes Bild der "Generation Y", also der zwischen 1980 und 1999 Geborenen. Sie gehe planvoll vor, um Ziele zu erreichen und erst gar nicht in das Hamsterrad zu geraten. "Die Zwanzigjährigen definieren ihre Lebensfreude völlig anders als die Generationen davor", sagt er. "Mit der Generation Y haben wir viel Grund zu Hoffnung, weil sie eine andere Einstellung zur Arbeit hat."Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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