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GRUNDEINKOMMEN
Lea Hampel
Die Freiheit wagen, nichts zu tun

Materielle Sicherheit soll Kreativität und Leistungsbereitschaft fördern. Ein Berliner Jungunternehmer verlost monatliche Fixeinkommen von 1.000 Euro

Michael Bohmeyer fläzt in Jeans und Turnschuhen am Besprechungstisch in seinem Berliner Büro. Um ihn herum ist viel los, ständig klingelt das Telefon. Als Gründer der Initiative "Mein Grundeinkommen" ist der er stark beschäftigt. Mit dem Trubel weiß der 32-Jährige umzugehen. Er zupft Blättchen vom Basilikum, kaut darauf herum und sagt: "Ich will schauen, was passiert, wenn weniger Menschen müssen und mehr Menschen wollen können."

Seit 2014 verlost der Verein ein bedingungsloses Grundeinkommen. 1.000 Euro im Monat, ein Jahr lang, ohne Gegenleistung. Dass sich im Mai 2016 in einer Umfrage 63 Prozent der Deutschen für ein Grundeinkommen ausgesprochen haben, dürfte auch eine Folge von Bohmeyers Initiative sein. Mehr als 51.000 Menschen haben dem Verein Geld gegeben - dafür, dass Menschen ausprobieren, wie es ist, nichts tun zu müssen. Als Bohmeyer Ende 2013 feststellte, dass eine seiner Internet-Firmen so viel abwarf, dass er nicht arbeiten müsste, nahm er sich eine Auszeit und merkte, wie entspannend das Wissen um materielle Sicherheit wirkt. Und er fragte sich, was wäre, wenn es jedem so ginge? Er startete eine Crowdfundingaktion und bekam in nur drei Wochen 12.000 Euro. Per Verlosung haben seitdem mehr als 80 Menschen ein Grundeinkommen erhalten. Sobald 12.000 Euro zusammen sind, wird ein neuer Gewinner ausgelost.

Keine Utopie Längst gilt das Grundeinkommen nicht mehr als utopische Vorstellung der politischen Linken. Denn immer mehr Jobs werden von Maschinen erledigt. Wenn Menschen durch die Digitalisierung ihre Arbeit verlieren, müssen sie aber auch versorgt werden, lautet das Argument. Selbst Wirtschaftsbosse kokettieren immer wieder öffentlich mit der Idee, so etwa die Konzernchefs von Telekom und Siemens, Timotheus Höttges und Joe Kaeser. In Deutschland hat dm-Gründer Götz Werner 2007 sogar ein Buch über das Konzept geschrieben. Dass hierzulande die Aufmerksamkeit für das Thema groß ist, hat einen weiteren Grund: Die Hartz-Reformen unter dem Motto "Fordern und Fördern" haben für Verunsicherung, Angst und Ärger gesorgt. Das Grundeinkommen ist nun ein ideologisches Kontrastprogramm.

Dabei ist die Idee gar nicht so neu. "Das kommt in Wellen immer wieder", sagt der Soziologe Georg Vobruba, der sich seit Jahren damit befasst. Schon bei den Spartanern soll es eine Grundversorgung für Bürger gegeben haben. Im Mittelalter hat Thomas Morus in seinem Werk "Utopia" dargelegt, dass weniger Menschen kriminell würden, wenn für ihr Überleben gesorgt wäre. Auch im 20. Jahrhundert haben sich Ökonomen mit dem Konzept befasst. Nobelpreisträger Milton Friedman hoffte, so die staatlichen Sozialausgaben niedrig, aber die Nachfrage nach Konsumgütern stabil zu halten. Verändert haben sich über die Jahre die Modelle. Ist es anfangs eine Sozialdividende für Ärmere, kommt später die "negative Einkommenssteuer" hinzu, ein Fixbetrag. Fällt jemand darunter, stockt der Staat auf, ohne die Bedürftigkeit des Beziehers zu überprüfen. Liegt sein Einkommen darüber, ist der einmal festgelegte Betrag steuerfrei und Abgaben fallen erst darüber an. Was ähnlich bleibt, sind die Argumente. Befürworter hoffen, dass Menschen freier und unabhängiger gegenüber Arbeitgebern werden. Vor allem in den vergangenen Jahren hat das Argument an Gewicht gewonnen, dass ein Grundeinkommen auch das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern verbessern könnte.

Die Gegner glauben, dass ein Grundeinkommen faul macht und kaum jemand mehr arbeiten würde. Außerdem bezweifeln prominente Kritiker wie der Armutsforscher Christoph Butterwegge die Finanzierbarkeit eines solchen Modells. Die Gewerkschaften befürchten den Abbau des Sozialstaats. Auch womöglich unangenehme Fragen spielen "in einer Welt mit offenen Grenzen" in dem Kontext eine Rolle, wie der Soziologe Vobruba anmerkt. "In diesem Fall wäre das: Wen schließt man vom Grundeinkommen aus? Schließlich kann man kein weltweites bedingungsloses Grundeinkommen zahlen."

Aktuelle Projekte Ob als Grundsicherung, Sozialdividende oder Bürgergeld, auch in einigen politischen Parteien wird das Konzept erörtert. So hat die Linkspartei eine Arbeitsgruppe zu dem Thema gebildet. Besonders prominent hat sich jedoch die Piratenpartei hervorgetan. Aus deren Reihen und Aktivistenkreisen ist 2016 die Ein-Themen-Partei "Bündnis Grundeinkommen" entstanden - mit dem Ziel, sich aufzulösen, wenn das Grundeinkommen eingeführt wird. Forscher halten einen Praxistest für den besten Weg, die Auswirkungen zu studieren. Bald können sie auf Daten hoffen. Während einige Experimente mehr als 40 Jahre zurückliegen oder in Kanada, Brasilien und Namibia stattgefunden haben, wagen derzeit mehrere europäische Staaten eigene Versuche. In Finnland erhalten seit Anfang des Jahres rund 2.000 Arbeitslose monatlich 650 Euro. Im Sommer sollen Arbeitslose und Erwerbstätige auch in vier niederländischen Städten Geld erhalten. Die Initiative "Give directly" aus den USA will Zehntausende Menschen mit einem Grundeinkommen ausstatten, ähnlich dem Modell von Bohmeyer.

Der Berliner Jungunternehmer bezieht weiter Geld aus seiner Firma und verdient weniger als andere Vereinsmitarbeiter, obwohl er mehr arbeitet als vor dem Projekt. "Weil ich jederzeit 'Nein' sagen kann, fällt es mir leichter, 'Ja' zu sagen", erklärt er das und plant schon die nächste Kampagne, um andere zu überzeugen.

Die Autorin ist freie Journalistin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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