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Duales System
Stefan von Borstel
Hochgelobt, kaum kopiert

Das deutsche Modell leidet an Auszehrung

Es gilt als Erfolgsmodell, als Flaggschiff des deutschen Bildungssystems, als Garant gegen Jugendarbeitslosigkeit und gegen Fachkräftemangel - und zunehmend auch als Exportschlager: Das duale System der Berufsbildung in Betrieb und Berufsschule verzahnt Praxis und Theorie. Der schwierige Übergang von der Schule in Beruf und Arbeitswelt fällt Jugendlichen in Deutschland dadurch leichter als Berufsanfängern in anderen Ländern. Knapp 60 Prozent eines Jahrgangs erhalten ihre Berufsausbildung im dualen System. In mehr als 300 Ausbildungsberufen von Industrie, Handel, Handwerk und freien Berufen werden sie zu den Fachkräften von morgen ausgebildet, die Deutschland so dringend braucht. Und nicht nur Deutschland. Mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung blicken Bildungsexperten und Politiker aus aller Welt nach Deutschland und wollen erfahren, was sie von dem deutschen Berufsausbildungssystem in ihre Länder übertragen können. Immer weiter verbreitet sich auch die Erkenntnis, dass die Stärke und Innovationskraft der deutschen Volkswirtschaft nicht nur Unternehmern und Ingenieuren, sondern zu einem großen Teil auch den gut ausgebildeten deutschen Facharbeitern zu verdanken ist.

Dabei konnte man im Ausland lange Zeit mit der deutschen Kombination aus Werk- und Schulbank wenig anfangen. Die duale Berufsausbildung mit Meister und Azubi ist "typisch deutsch"- nur in einigen Nachbarländern gibt es ähnliche Modelle. In vielen Ländern gilt eine praktische Ausbildung als minderwertig. Deutschland habe zu wenig Akademiker, predigte etwa die Industrieorganisation OECD, statt Meistern brauche das Land mehr Master. Für die Bildung, auch die Berufsbildung, ist in den meisten Ländern der Staat zuständig, und nicht die Wirtschaft.

Der erstaunliche Wandel vom antiquierten Auslaufmodell zur bewunderten Erfolgsgeschichte hat viel mit der Weltwirtschaftskrise von 2009 zu tun. In den südlichen EU-Ländern schnellte die Arbeitslosigkeit, vor allem bei den Jugendlichen, in schwindelerregende Höhen. Nur in Deutschland nicht. Wie machen die das nur, fragten sich Bildungsexperten und Politiker - und pilgerte nach Deutschland, um hinter das Geheimnis des Erfolges zu kommen.

Mit den sechs EU-Ländern Griechenland, Italien, Lettland, Portugal und Slowakei vereinbarte das Bundesbildungsministerium bereits eine Ausbildungskooperation. Aber auch in Schwellen- und Entwicklungsländer wird das deutsche Modell exportiert - von Indien und China, Thailand und Südkorea über Brasilien, Ecuador, Costa Rica und Mexiko bis hin nach Südafrika. Deutsche Konzerne spielen Pionier und bilden Mitarbeiter in ihren Auslandsniederlassungen nach deutschem Vorbild aus - und decken so zugleich ihren Fachkräftebedarf. In Zeiten der Flüchtlingskrise wird das duale System gar als Wunderwaffe gegen Flucht und Migration propagiert: Schließlich erhielten die jungen Leute in armen Entwicklungsländern so eine gute Berufsausbildung - und damit eine Perspektive, die sie von der gefährlichen Flucht nach Europa abhalten könnte.

Diskrepanzen Doch allen Bemühungen und Kooperationen zum Trotz - so einfach lässt sich das deutsche Modell nicht auf andere Länder exportieren. "Weithin hochgelobt, aber kaum kopiert", lautet das Fazit einer Untersuchung für die Bertelsmann-Stiftung. Es gebe eine große Diskrepanz zwischen "euphorischer Programmatik und nüchterner Realität". Auch die Bundesregierung muss einräumen, dass beim System-Export noch "viele Herausforderungen" zu meistern seien: So sei die Einbeziehung der Unternehmen und Sozialpartner in die Berufsbildung in vielen Kooperationsländern noch unzureichend, hieß es im März auf einer Konferenz zur Internationalen Berufsbildung von den beteiligten Bundesministerien. Zudem sei in vielen Partnerländern das Image der Berufsbildung nicht gut und konkurriere häufig mit der Hochschulbildung. Auch wenn die politischen Akteure die duale Ausbildung bereits als gutes Modell sähen, müsste bei Jugendlichen, Eltern und Arbeitgebern "noch mehr Überzeugungsarbeit" geleistet werden. Vielerorts fehlt es aber nicht nur an der Überzeugung, sondern schlicht an den ausbildungswilligen Unternehmen. In Deutschland werden 90 Prozent der Azubis im Mittelstand ausgebildet - den gibt es in anderen Ländern gar nicht, gerade in Entwicklungsländern.

Während das deutsche Modell im Ausland an Ansehen gewinnt, gerät es im eigenen Land immer mehr unter Druck. Die Rolle des "Flaggschiffs" der Bildungspolitik hat die duale Berufsbildung längst an die Akademische Ausbildung abgeben müssen: Seit dem Jahr 2013 ist die Zahl der Studienanfänger höher als die Zahl der Anfänger in der dualen Berufsausbildung. Ohnehin sinkt die Zahl der Schulabgänger aus demografischen Gründen. Die Zeiten, in denen sich Meister ihre Lehrlinge aussuchen konnten, sind lange vorbei. Heute müssen sie für junge, motivierte Jugendliche den roten Teppich ausrollen. Mehr als 40.000 Lehrstellen konnten im vergangenen Berufsausbildungsjahr nicht besetzt werden. In der Folge ziehen sich immer mehr Betriebe, vor allem kleinere, aus der Ausbildung zurück. Nur noch jeder fünfte Betrieb bildet aus - ein historisch niedriger Wert.

Noch gar nicht absehbar sind die Folgen der Digitalisierung auf die Berufsausbildung. Die Digitalisierung krempelt den Arbeitsmarkt und die Berufsbilder grundlegend um. Nach internationalen Studien üben etwa in den USA rund die Hälfte der Erwerbstätigen Tätigkeiten aus, die in den nächsten zehn bis 20 Jahren von Automaten, Computerprogrammen oder Robotern erledigt werden könnten. Modellrechnungen für Deutschland ergeben eine ähnliche Größenordnung. Vor allem stark von Routine geprägte Tätigkeiten werden dann nicht mehr so gefragt sein wie heute. Roboter können viele dieser Arbeiten übernehmen, und den Menschen überflüssig machen.

Komplexer als bisher Auf der anderen Seite entstehen neue Berufe und auch Arbeitsformen - wie Home-Office oder Crowdworking. Allerdings sind die neuen Beschäftigungsfelder tendenziell anspruchsvoller und komplexer als die bisherigen. Auch die Bedeutung der sozialen Kompetenz der Arbeitnehmer dürfte durch wachsende Team- und Projektarbeit weiter steigen, sagen Arbeitsmarktforscher voraus. Wird das duale Berufsbildungssystem in dieser neuen schönen Computerwelt mithalten können? Passen Meister, Geselle und Azubi noch in die Arbeitswelt von morgen mit ihren flachen Hierarchien? Können Berufsbilder und Qualifikationen mit dem rasanten Wandel Schritt halten? Künftig müssen die Auszubildenden fit gemacht werden, um komplexere, schwer zu automatisierende Aufgaben zu übernehmen und die neuen Technologien als Arbeitsmittel zu verwenden.

Von den mehr als 300 Berufen im dualen System sind heute gerade einmal vier IT-Berufe. Und auch die Berufsschulen, die doch die Fachkräfte der Zukunft ausbilden, hinken hinterher. Obwohl die Digitalisierung in den Betrieben längst zum Alltag gehört, ist ein Drittel der Berufsschulen noch nicht an das Internet angeschlossen. Es fehlt an WLAN, Software und technischer Ausstattung.

Das Bundeswirtschaftsministerium hat sich in einem Positionspapier vorgenommen, Betriebe, überbetriebliche Berufsbildungsstätten und Berufsschulen "als Schaltstellen für die digitale Wissensvermittlung" zu stärken. Die dualen Ausbildungsordnungen sollen überprüft werden, "in welchem Umfang und in welcher Tiefe neue Technologien und Prozesse zu berücksichtigen sind". "Dabei werden wir die Ausbildungsordnungen auf die Erfordernisse einer digitalen Wirtschaft ausrichten", verspricht das Ministerium. So ist aktuell ein neuer Ausbildungsberuf in Planung: Der Kaufmann im E-Commerce. Dieser soll dem zunehmenden Onlinehandel Rechnung tragen.

Sicher ist: Mehr und bessere Qualifikation ist der beste Schutz davor, wegrationalisiert zu werden. Weiterbildung und Umschulung, die betriebliche Fortbildung und Qualifikation, das "lebenslange Lernen" werden zukünftig noch wichtiger sein als heute. Das duale System mit seiner international einzigartigen Kombination von Arbeiten und Lernen kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Wer weiß, vielleicht bestaunt das Ausland künftig nicht nur Deutschlands Erfolge im Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit und Fachkräftemangel - sondern auch seinen Erfolg bei der Bewältigung der Folgen des Digitalen Wandels auf den Arbeits- und Ausbildungsmarkt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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