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Interview
Stefan von Borstel
»Immer schwieriger«

Ein Personalchef berichtet aus seiner Firma

Herr Mönnig, die Wirtschaft klagt über fehlende Fachkräfte. Ist auch ihre Firma Hottinger Baldwin Messtechnik davon betroffen? Welche Strategien hat das Unternehmen dagegen?

Den Fachkräftemangel spüren wir seit einigen Jahren, es wird immer schwieriger, qualifiziertes Personal zu bekommen. Wir müssen das Unternehmen attraktiv machen, damit es im Wettbewerb um Fachkräfte bestehen kann. Für jüngere Leute mit Kindern ist ein familienfreundliches Unternehmen mit flexiblen Arbeitszeiten wichtig. Wir haben eine Kooperation mit einem Kindergarten, der ad-hoc eine Betreuung übernehmen kann. Wir bieten auch die Möglichkeit an, Zeit für ein Sabbatical anzusparen. Gerade für die Generation Y ist es wichtig, dass die "Work-Life-Balance" stimmt. Wir haben mit dem Standort Darmstadt im Rhein-Main-Gebiet einen Standortvorteil. Ballungsräume sind für junge Leute attraktiv, Unternehmen auf dem Land haben es da schwerer. Aber dafür ist hier die Konkurrenz um gutes Personal härter. Mit 750 Mitarbeitern haben wir auch einen Größenvorteil gegenüber kleineren Unternehmen, da wir in Sachen Personalentwicklung viel mehr bieten können.

Wo gibt es die größten Engpässe?

Wir stellen Messtechnik für die industrielle Anwendung her, vom Sensor über die Elektronik bis zur Software. Dafür brauchen wir Elektrotechniker und vor allem Mechatroniker. Das ist der größte Engpass. Wenn wir nicht selber ausbilden würden, hätten wir Mühe, gute Mechatroniker zu finden. Allerdings nehmen viele nach der Ausbildung ein Studium auf. Aus individueller Sicht ist das natürlich verständlich, dass die jungen Leute einen hohen Abschluss anstreben, aber für das Unternehmen ist das ein Problem. Wir brauchen ja Facharbeiter. Die Lücke ist hier viel größer als bei den Akademikern. Wir nehmen deshalb mittlerweile lieber Realschüler als Abiturienten, weil bei den Abiturienten die Studierneigung noch viel ausgeprägter ist.

Wie steht es mit der Qualifikation der Bewerber?

Wir haben Defizite in der Schulausbildung. In unsere Auszubildenden müssen wir viel investieren, weil das Fundament nicht da ist. Die Schulen sind weit zurück, was Anwendung von Computern und moderne Technik im Unterricht angeht. Wir machen seit zehn Jahren einen Einstufungstest für Mechatroniker, doch das Niveau der Schulabgänger wird immer schlechter. Mit den Anforderungen, die wir vor zehn Jahren gestellt haben, würden wir heute keine Auszubildenden bekommen. Die Investitionen in die Bildung müssen steigen. Als Hochtechnologie-Unternehmen und Weltmarktführer in vielen Bereichen brauchen wir hochqualifizierte Mitarbeiter.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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