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EDITORIAL
Jörg Biallas
Nicht alle sind flügge

Der Mensch, schrieb der in diesem Jahr gefeierte Martin Luther vor 500 Jahren, sei "zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen". Und: "Arbeit ist ein sinnerfülltes Gut." Auch wenn die historische Entwicklung in den vergangenen Jahrhunderten die Euphorie des Reformators relativiert, gilt noch heute: Arbeit ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens.

Aber Arbeit hat sich verändert. In mehrfacher Hinsicht. Für viele Menschen gehört Arbeit zwar nach wie vor zum Dasein; allein seligmachender Lebensinhalt ist sie jedoch längst nicht mehr. Viel ist die Rede von "Work-Life-Balance", also dem Wunsch, Beruf und Privatleben so zu vereinbaren, dass ausreichend Zeit für Familie und Freizeit bleibt. Gerade junge Menschen sind bereit, dafür Kompromisse bei Karriere und Einkommen zu machen.

Vielen bleibt das ohnehin nicht erspart. Denn die Arbeitswelt ist komplizierter geworden. War es vor Generationenfrist noch gang und gäbe, das Berufsleben bei einem einzigen Arbeitgeber zu fristen, sind heute Wechsel der Anstellung eher die Regel als die Ausnahme. Nicht immer geschieht das freiwillig. Zeit- und Werkverträge sind in manchen Branchen, etwa in der Wissenschaft, üblich geworden. Sie führen dazu, dass die Lebensplanung erschwert wird, weil eine Perspektive fehlt. Wer nur wenige Jahre mit einem gesicherten Einkommen kalkulieren kann, wird sich schwertun, eine Familie zu gründen, eine Immobilie zu erwerben oder für das Alter vorzusorgen.

Im Niedriglohnsektor ist inzwischen häufig mehr als ein Job nötig, um den Lebensunterhalt finanzieren zu können. Die Folge sind unzumutbare Wochenarbeitszeiten.

An sich zu begrüßender technischer Fortschritt gilt gerade älteren Arbeitnehmern als eine Herausforderung, der sie sich nicht gewachsen fühlen. Ständig müssen im Zuge der zunehmenden Digitalisierung neue Arbeitsabläufe erlernt werden. Nicht wenige bleiben dabei auf der Strecke. Wie auch die Langzeitarbeitslosen, aktuell fast eine Million Menschen. Viele davon werden nie mehr erwerbstätig sein. Schicksale, die von den eigentlich positiven Arbeitsmarktdaten übertüncht werden.

Die Zukunft der Arbeit enthält also viel Unwägbares. Nicht alle sind, um Luthers Worte abzuwandeln, im Arbeitsleben so flügge, dass sie dem ohne Sorge begegnen können.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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