Inhalt

Ortstermin: neue Ausstellung im bundestag
Winfried Dolderer
Das »Meer der Erkenntnis«

Imposante Schiffsmodelle und Lavabrocken vom Meeresgrund. Eine Glasröhre mit Ostseeschlamm, 250 Meter tief in den Gewässern vor Gotland erbohrt. Instrumente der Forschung wie die "Schneeboje" und ein verkleinertes Modell des selbsttätigen Meeresboden-Bohrgeräts "Mebo 200". Vier Gläser mit in Alkohol eingelegten Lebewesen: Pazifischen Felsenaustern, Schwarzmaulgrundeln, einer Chinesischen Wollhandkrabbe.

Mit jedem dieser Objekte, die bis Ende Mai in der Erdgeschoss-Wandelhalle des Paul-Löbe-Hauses in zehn Vitrinen ausgestellt sind, verbindet sich eine Geschichte. Die Schneeboje zeichnet stündlich Schneedichte und Temperatur in der Arktis auf. Das Gerät ermöglichte im Februar 2016 den Nachweis, dass es dort zu dem Zeitpunkt acht Grad wärmer war als im Durchschnitt der vergangenen Jahre. Der Bohrkern mit dem Ostseeschlamm dokumentiert neuzeitliche Klimageschichte. Die Substanz im oberen Teil ist tiefschwarz. Sie entstammt der sauerstoffarmen Wärmeperiode der vergangenen hundert Jahre. Weiter unten dominiert die Farbe Grau. Dort finden sich Ablagerungen aus der "Kleinen Eiszeit" des 14. bis 19. Jahrhunderts, als die Ostsee mehr Sauerstoff enthielt und folglich mehr Kleingetier den Schlamm durchwühlte.

Die beiden Lavabrocken vom arktischen Meeresboden stammen aus einer Gegend, wo die Forschung noch bis 1999 keinen Vulkanismus vermutet hatte. An Bord des Forschungsschiffes "Poseidon", das als Modell gezeigt wird, konnte eine internationale Wissenschaftlergruppe im März 2016 erstmals einen unterseeischen Vulkan vor der Kanaren-Insel El Hierro untersuchen. Mit dem Roboter "Mebo 200" gelang es 2014 wiederum erstmals, einen Korallenhügel vor der marokkanischen Küste zu durchbohren.

Die konservierten Tiere schließlich stehen für eine Begleiterscheinung der Globalisierung und des Welthandels. Die Pazifische Felsenauster wurde vor Sylt aus dem Meer geholt, stammt aber aus Japan. Die Schwarzmaulgrundeln gingen vor Rügen ins Netz, Tausende Kilometer vom Kaspischen Meer entfernt, wo sie zu Hause sind. Auch die Chinesische Wollhandkrabbe verrät schon mit ihrem Namen, dass ihre Urheimat nicht die Osteeinsel Poel sein kann. Globale Artenmigration - Bereicherung der heimischen Fauna? Oder ökologisches Desaster?

"Meer der Erkenntnis" ist die Ausstellung betitelt, die in der vergangenen Woche mit Ansprachen einer amtierenden und einer ehemaligen Bundesbildungsministerin eröffnet wurde und noch bis zum 19. Mai zu sehen ist (online-Anmeldung auf bundestag.de). Im Wissenschaftsjahr 2016/17, das der Ozeanographie gewidmet ist, soll sie Erkenntnisse der deutschen Meereskunde und die Leistungen ihrer 16 Schiffe umfassenden Forschungsflotte aus der jüngsten Vergangenheit veranschaulichen.

"Meere und Ozeane sind das Markenzeichen des Planeten Erde. Aus dem Meer kommt das Leben, ohne Meer ist an Land kein Leben denkbar", sagte Bundestagsvizepräsidentin Edelgard Bulmahn (SPD). Indes, der Zeitpunkt sei nicht fern, an dem die Menge des Plastikmülls in den Ozeanen die der Biomasse übertreffen werde. "Wir sind als reiche Kulturnation verpflichtet, auch durch Forschung beizutragen zur Lösung globaler Probleme", sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU).Winfried Dolderer

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag