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FILMAKADEMIE
Katharina Dockhorn
Kritische Masse

Benjamin Herrmann und Philipp Weinges sehen Verbesserungsbedarf bei der Filmförderung

Der Deutsche Filmpreis, die "Lola", wurde am Freitag in Berlin verliehen und die Filmakademie blickt stolz auf das Jahr 2016 zurück. Produzent und Verleiher Benjamin Hermann und Drehbuchautor Philipp Weinges, die Doppelspitze des Vorstands der Akademie, sehen trotzdem Verbesserungsbedarf in der Filmförderung.

Der Film "Willkommen bei den Hartmanns" war der Publikumsliebling unter den Nominierten für den Filmpreis, der haushohe Favorit "Toni Erdmann" zog 800.000 Zuschauer an. War 2016 ein guter Jahrgang?

Weinges: Der erfolgreichste Arthouse- und der erfolgreichste Mainstreamfilm schafften den Sprung unter die besten sechs Spielfilme. Ich wünsche uns mehr davon.

Hermann: Die nominierten Filme spiegeln die hohe Qualität des deutschen Filmschaffens für unterschiedliche Zielgruppen wider, auch wenn 2016, insgesamt gesehen, kein außergewöhnlich erfolgreiches Jahr war

2015 erreichten 60 Prozent der gestarteten deutschen Filme nicht mal 20.000 Zuschauer. Zeichnet sich die Entwicklung nicht schon länger ab?

Herrmann: Die beunruhigende Entwicklung hat sich leider verschärft. Die Konkurrenz anderer attraktiver Unterhaltungsformate muss uns anspornen, mehr Filme zu drehen, die das Publikum begeistern. Eine kritische Masse wird man immer brauchen, damit Herausragendes entsteht. Doch 246 Filme, darunter 80 Dokumentarfilme, können kaum adäquat ausgewertet werden. Der Zuschauer verliert die Übersicht.

Weinges: Wir müssen neu denken. In unserem 50 Jahre alten Fördersystem entscheiden die Fernsehsender, die längst andere Interessen haben, was ins Kino kommt. Das kleine Deutschland leistet sich zudem extrem viele Förderinstitutionen. Jede hat ihre Vorlieben, nach denen die Projekte ausgerichtet werden. Da andererseits keine Förderinstitution mit einem Etat ausgestattet ist, um alle ausgewählten Filme ausreichend zu unterstützen, gehen Filme oft mit rund drei Viertel des einst kalkulierten Budgets in den Dreh. Darunter leidet die Qualität. Der deutsche Kinofilm kann auch visuell nicht mit den mit gigantischen Budgets ausgestatteten Serien und Filmen des Auslands mithalten.

Inwieweit mischt sich die Filmakademie in die politischen Debatten ein, um dies zu ändern?

Weinges: Die Akademie entwickelt Ideen, um die Strukturen zur Filmfinanzierung zu verbessern, die Player müssen sie politisch bewerten. Besonders liegt uns eine effektivere Filmförderung am Herzen. Wir haben die kulturelle Filmförderung der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) mitentwickelt und die Drehbuchfortentwicklungsförderung des Filmförderungsgesetzes angestoßen. Und nicht zuletzt denken wir drüber nach, wie der Kinofilm der Zukunft aussehen könnte und suchen Wege, wie unsere Arthousefilme besser im Markt positioniert werden können.

Durch die weitgehende Abstinenz der öffentlich-rechtlichen Sender und die Printkrise ist die traditionelle Filmkritik vom Aussterben bedroht. Fehlt bald ein Baustein, um Aufmerksamkeit zu generieren?

Weinges: Obwohl manches Mitglied der Akademie Filmjournalisten als natürlichen Feind sieht, beunruhigt uns die Entwicklung. Bei aller eventueller Qual für den einzelnen Filmemacher bleibt die fundierte Auseinandersetzung mit dem Kino essentiell, um den Start deutscher Filme zu begleiten.

Im Vergleich zum Etat des Deutschen Filmförderungsfonds (DFFF) und der kulturellen Filmförderung sind die Mittel der BKM für die Unterstützung des Verleihs kaum gestiegen. Drohen viele Filme unsichtbar zu bleiben?

Weinges: Das ist ein schwieriges Terrain. Offenbar hat sich eine Nische auf dem deutschen Markt herausgebildet, in der Filme, die nicht wirklich markttauglich sind, risikolos ins Kino gebracht werden können. Obwohl sie nicht mal 10.000 Zuschauer erreichen, rentiert es sich für die Verleiher. Es wäre gefährlich, das unternehmerische Risiko in diesem Segment über die Förderung weiter zu verringern.

Herrmann: Dem muss ich widersprechen. Die meisten Verleihkollegen arbeiten sehr ernsthaft und mit hohem finanziellem Risiko, um deutsche Filme optimal auszuwerten. Natürlich gibt es schwarze Schafe, aber diese müssen Förderjurys ja nicht unterstützen - was auch selten passiert. Daher ist die Rückzahlungsquote in der Verleihförderung bei allen Förderinstitutionen die höchste überhaupt. Aber die Diskrepanz zwischen der aufgestockten Produktionsförderung der BKM und der sehr geringen Verleihförderung ist unverständlich. Es entstehen tolle Filme, die dann unterfinanziert vermarktet werden müssen.

Welche weiteren Projekte hat die Filmakademie angeschoben?

Herrmann: "Das "Lola-Festival" kommt super an. Wir hoffen, dass in den kommenden Jahren bundesweit noch mehr Kinos die nominierten Filme zeigen. Neben der Verleihung des Deutschen Filmpreises haben wir zahlreiche Projekte und Initiativen angestoßen, um den deutschen Film zu pushen. Die Reihe "Mein Film", in der unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel "Die Legende von Paul und Paula" vorstellte, hat volle Häuser. Wir haben pädagogische Projekte mit Filmklassikern etabliert, mit der Wochenzeitung "Die Zeit" und dem Auswärtigen Amt gerade einen Nachwuchswettbewerb ins Leben gerufen. Wir sind Veranstalter des renommierten First Steps-Nachwuchspreises. Nicht zuletzt laden wir regelmäßig Flüchtlingskinder ins Kino ein. Zusammen mit der Peter Ustinov-Stiftung organisieren wir zudem das Projekt "Mix It", bei dem Flüchtlingskinder gemeinsam mit deutschen Schülern Filme drehen. Im Hinblick auf die Schulen bleibt natürlich das Fernziel, filmsprachliche Bildung in den Lehrplänen der Schulen zu verankern.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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