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Aschot Manutscharjan
Kurz Notiert

Ihre Körbe mit Butterbroten, Käse, gekochten Eiern und Wurst durften die Exilanten nicht mitnehmen: Die Schweizer Kriegsvorschriften verboten die Mitnahme von Lebensmitteln ins Deutsche Reich. Laut protestierend gaben die Exil-Russen ihre Reiseverpflegung schließlich ab. So startete in Zürich, am Ostermontag, dem 9. April 1917, der wohl berühmteste Zug der letzten 100 Jahre. Anführer der 32 Reisenden war "Starik", der Alte. So nannten die Genossen den 47-jährigen Wladimir Lenin, der in seinem Schweizer Exil von der Februar Revolution in Petrograd und dem Thronverzicht des Zaren kalt erwischt worden war und jetzt dringend nach Russland wollte, um aus dem "imperialistischen Krieg einen Bürgerkrieg" zu machen.

Wegen seines radikalen ideologischen Gedankengutes hatte die kaiserliche Regierung unter Federführung des Auswärtigen Amtes Lenin im März 1917 angeboten, seine Reise über Deutschland nach Russland zu organisieren. Nachdem Lenins Bedingungen erfüllt worden waren, beispielsweise durfte niemand ihren Waggon betreten, konnte es losgehen. Drei der vier Türen wurden verriegelt, zwei deutsche Soldaten bewachten den Waggon und versorgten die Revolutionäre mit Essen und Trinken. Um die Illusion zu bewahren, dass es zu keinen Kontakten zwischen Russen und Deutschen kommt, wurde mit Kreide eine symbolische Grenze zwischen Bewachern und Insassen gezogen. Nach drei Tagen erreichte der Waggon Sassnitz, weiter ging es über Schweden und Finnland nach Petrograd.

Die bekannte britische Historikerin Catherine Meridale folgt Lenins Reiseroute. In ihrem quellenreichen und faszinierenden Buch beschreibt sie detailliert die Machtübernahme der bolschewistischen Partei und die Rolle der deutschen Finanzhilfen. Trotz allem empfanden die Deutschen "ein Gefühl der Scheu, als sie die grausigste aller Waffen auf Russland richteten", sollte Winston Churchill später notieren. Sie beförderten Lenin wie "einen Pestbazillus in einem plombierten Waggon nach Russland".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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