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Krankheit
Susanne Kailitz
»Ich brauche das Geld«

Leben mit der Erwerbsminderungsrente

Wie schlecht es ihr oft geht, das merkt man Petra Wagner (Name geändert) nicht an. Sie wirkt fröhlich und scheint voller Energie. "Aber es gibt Tage, an denen komme ich kaum hoch", sagt sie, "dann bin ich sehr froh, wenn ich alles in meinem Tempo machen kann."

Schuld daran ist eine schwere Darmkrebs-Erkrankung vor elf Jahren. Damals wurden der heute 62-Jährigen große Teile des Dickdarms entfernt, die folgende Chemotherapie zerstörte Nerven in Füßen und Händen. "Mir wurde noch im Krankenhaus von den Ärzten gesagt, dass ich mir den Gedanken, jemals wieder arbeiten zu können, aus dem Kopf schlagen soll." Eine bittere Erkenntnis - denn Petra Wagner hatte ihre Arbeit als Abteilungsleiterin bei einer großen Handelskette in einem kleinen Ort bei Berlin geliebt. Und damit Geld nach Hause gebracht: "Mein Mann hatte nach der Wende immer Jobs im Niedriglohnbereich, da habe ich hauptsächlich für unser Einkommen gesorgt." Damit war nach dem Krankenhausaufenthalt Schluss. Noch in der Klinik hatte Wagner den Antrag auf Erwerbsunfähigkeitsrente gestellt, "und das ging dann alles ganz schnell".

Heute lebt sie nach der Trennung von ihrem Mann allein - von 804 Euro Rente. Als es ihr wieder besser ging, suchte Wagner sich einen Minijob. "Ich darf drei Stunden pro Tag arbeiten - und mehr schaffe ich auch nicht. Zuerst hatte ich einen Superjob in einer Apotheke, da habe ich geputzt und Medikamente ausgefahren." Für diese Arbeit ist sie vor einigen Jahren nach Berlin gezogen, "da wollte ich sowieso immer leben". Doch nach der Einführung des Mindestlohns war Schluss damit. "Mir ist sehr deutlich gesagt worden, dass es für den Chef nicht in Frage kam, mir für weniger Stunden mehr Geld zu zahlen." Nach kurzen Einsätzen bei einem Pizzadienst hat sie die Suche nach einer offiziell gemeldeten Arbeit inzwischen aufgegeben - und putzt heute privat für Bekannte, um sich etwas dazuzuverdienen. "Ich könnte heute einfach keinen regulären Minijob mehr machen. Denn ich bin an manchen Tagen einfach nicht in der Lage, so schnell zu arbeiten, wie das ein normaler Arbeitgeber erwartet." Bei den vier Familien, deren Wohnungen sie jede Woche reinigt, könne sie sich die Zeit einteilen, da gebe es keinen Druck. Ob sie sich bewusst sei, dass es sich dabei um Schwarzarbeit handele? "Na klar! Aber ich kann auf das Geld einfach nicht verzichten - schon allein, um mein Auto zu halten, brauche ich das."

Auch wenn Petra Wagner meist optimistisch ist: Manchmal hadert sie mit ihrem Schicksal. "Dass man sich immer einen Kopf machen muss, ob das Geld reicht, ist einfach Mist. Ich würde ja liebend gern richtig arbeiten, ich habe mir die Krankheit nicht ausgesucht." Als besonders demütigend empfindet sie die regelmäßigen gesundheitlichen Untersuchungen, denen sie sich unterziehen muss, damit die Rente weiter bewilligt wird. "Wie da mit einem umgegangen wird, ist bitter. Und man traut sich nicht, den Mund aufzumachen, weil es um die weitere Existenz geht."

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Dresden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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