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WeNDe-Zäsur
Susanne Kailitz
»Wir haben uns arrangiert«

Die Angst, keinen Kredit zu bekommen

658 Euro. Dieser Betrag wird Angela Behm (Name geändert) jeden Monat überwiesen. Eine Rente, von der sie allein nicht leben kann - und eine, die sie nach den vielen Jahren Arbeit für nicht wirklich fair hält. Die 66-Jährige gehört zu der großen Zahl von Ostdeutschen, die nach der Wende beruflich nicht mehr richtig auf die Beine kamen und diesen Karriereeinbruch bis an ihr Lebensende bezahlen müssen.

Bis zur Wende habe sie in einem Großhandels-Unternehmen gearbeitet, erzählt Behm, "und mit der Treuhand war vereinbart, dass wir Mitarbeiter vier Jahre lang übernommen werden mussten. Aber danach war Schluss." Immer wieder suchte die gelernte Schmuckverkäuferin danach nach Jobs - und fand doch nur befristete Teilzeitstellen mit geringer Bezahlung, landete schließlich im Hartz-IV-Bezug. Dabei hätte sie gern mehr gearbeitet. "In der DDR habe ich drei Kinder großgezogen und dabei voll gearbeitet, das war so üblich und für mich auch völlig normal. Dass ich das dann nicht mehr konnte, war nicht meine Entscheidung."

Das Ehepaar klagt nicht. Weil Angela Behms Mann Claus etwa 980 Euro Rente bekommt, reicht es für die beiden zum Leben. Rund 500 Euro Miete kostet die kleine 3-Raum-Wohnung im Dresdner Süden, alle paar Jahre ist ein Urlaub drin.

Sorgen bereitet den Behms allerdings ihr Auto, das alt und nicht mehr gut in Schuss ist. Ein neues sei sowieso nicht drin, sagt Claus Behm, "aber wir wissen auch nicht, ob wir für ein gebrauchtes überhaupt einen Kredit bekommen." Gerade habe er von einem Rentner gehört, der monatlich 1.400 Euro bekomme und dem die Bank kein Geld habe leihen wollen. Es sei eine Umstellung gewesen, sagt seine Frau, die meisten großen Anschaffungen inzwischen in Raten zu bezahlen. "Das kannten wir nicht - für uns galt immer, dass man sich nur leistet, was man auch bezahlen kann." Jetzt aber seien sie froh gewesen, als Waschmaschine und Kühlschrank ersetzt werden mussten und es möglich war, dafür monatlich zu bezahlen.

Dass sie rechnen müssen und keine großen Sprünge machen können: damit haben die Behms sich arrangiert. Was ihnen aber wirklich Sorgen macht, ist die Zukunft ihrer Kinder. Ein Sohn steckt gerade in einer Umschulung, der zweite und die Tochter hätten zwar Jobs, würden dabei aber nicht wirklich gut verdienen. "Wie soll es denn bei denen im Alter werden, wenn das Rentenniveau immer weiter absinkt? Das treibt uns wirklich um."

Ob sie selbst Zuschüsse beantragen könnten, hat das Ehepaar gar nicht mehr geprüft. Als Claus Behm vor drei Jahren in Rente ging, zog seine Frau mit - auch wenn das Abschläge von 18 Prozent für sie bedeutet hat. "Inzwischen gab es ja zum Glück die Mütterrente. Und ich wollte raus aus dem ganzen Hartz-IV-System - da musste man ja immer furchtbar aufpassen, weil jede Nebenkosten-Rückzahlung Auswirkungen aufs Geld hatte. So wussten wir, was wir haben."

Ob sie das Rentensystem fair finden? Bei dieser Frage denkt Claus Behm länger nach und sagt dann: "Nein, eigentlich nicht. Ich neide keinem, dass er mehr hat - das hat ja häufig damit zu tun, dass er mehr gearbeitet oder besser verdient hat. Aber es müsste eine deutlich höhere Grundrente geben, die jeder bekommt, der mal gearbeitet hat."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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