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Parlamentarisches Profil
Alexander Weinlein
Der Kulturmensch: Siegmund Ehrmann

Ein Mann der lauten Töne ist er nicht. Weder am Rednerpult im Plenarsaal, noch als Vorsitzender des Kultur- und Medienausschusses. Wo andere Parlamentarier gerne mal zur verbalen Keule greifen, um den politischen Gegener frontal zu attackieren, bedient sich Siegmund Ehrmann (SPD) lieber der moderaten und sachlichen Töne. Insofern erfüllt der Sozialdemokrat aus Nordrhein-Westfalen ein gängiges Klischee über den feinsinnigen Kulturmenschen. Und ein Kulturmensch ist er ohne Zweifel - politisch und privat.

Vor seinem Einzug in den Bundestag war der gelernte Diplom-Verwaltungswirt bereits als Kulturdezernent in seiner Heimatstadt Moers am Niederrhein tätig, wo er 1952 geboren wurde. Die in dieser Zeit gemachten Erfahrungen kamen ihm auch im Bundestag zugute. "Ich hatte von Anfang an den Wunsch, mich kulturpolitisch zu engagieren", erzählt Ehrmann. Seine Laufbahn als Parlamentarier war dann auch eng mit der Kulturpolitik verknüpft. Dem Kulturausschuss, dessen Vorsitz er zu Beginn der Legislatur übernahm, gehört er seit seinem Einzug in den Bundestag im Jahr 2002 an. Ein Jahr später übernahm er den stellvertretenden Vorsitz in der Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland". Die vierjährige Arbeit in der Enquete zählt Ehrmann mit zu den Höhepunkten seines parlamentarischen Wirkens. Der Abschlussbericht biete bis heute "noch immer eine wichtige Orientierung für kulturpolitische Entscheidungen".

Kulturmensch hin oder her, Ehrmann weiß sich auch als Wahlkämpfer durchzusetzen. Bei allen vier Bundestagswahlen gewann er seinen Wahlkreis (Krefeld II - Wesel II) - auch gegen den Trend. Als die CDU 2013 bei den Zweitstimmen im Wahlkreis vor der SPD lag, verteidigte er sein Direktmandat. Und er scheut sich auch nicht, offen Kritik am Koalitionspartner zu äußern: Es habe ihn "sehr geärgert", dass die Empfehlungen der Expertenkommission zur Zukunft der Stasi-Unterlagenbehörde parlamentarisch nicht umgesetzt wurden. "Da hat die Union kalte Füße bekommen". Wenig begeistert war Ehrmann auch, als der Haushaltsausschuss die Gelder für das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin entgegen der Beschlüsse des Bundestages sperrte und statt dessen Mittel für die Wiedererrichtung der Kolonnaden in den Haushalt einstellte. Diese "Übermacht der Haushälter" empfindet er als "anmaßend". Er wisse, dass der Kulturausschuss "nicht der Nabel der parlamentarischen Welt ist", schon deshalb würden die Kulturpolitiker öfter den fraktionsübergreifenden Konsens suchen, um sich Gehör zu verschaffen.

Jetzt neigt sich Ehrmanns Zeit als Abgeordneter dem Ende zu, bei der kommenden Wahl wird er nicht mehr antreten. Die Begründung für seine Entscheidung ist einfach und nachvollziehbar - im Politikbetrieb aber keine Selbstverständlichkeit: "Ich bin jetzt nahezu 50 Jahre berufstätig, seit 15 Jahren im Mandat, und habe im Zweifel persönliche Belange hintangestellt." Es gebe auch "eine Kunst des selbstbestimmten Aufhörens". Er freue sich darauf, seine Zeit freier zu gestalten und der Familie - er ist verheiratet und hat eine Tochter -, Freunden und brachliegenden Interessen zu widmen. Zu seinen Interessen gehören - wie könnte es anders sein - Literatur, Theater, Musik und die bildende Kunst. So manche "Inspiration" verhelfe ihm "zu einem anderen Blick auf die Dinge".

Den politischen Blick auf die Dinge wird Ehrmann aber nicht ablegen. "Wo ausdrücklich erbeten", werde er "mit Rat und Tat zur Seite stehen" - wenn auch "äußerst dosiert". Über die kulturpolitische Reise der nächsten Legislatur hat er klare Vorstellungen: Er wünscht sich eine engere Kooperation zwischen Bund und Ländern, Mindesthonorare in der öffentlichen Kulturförderung und eine insgesamt bessere soziale Absicherung für Kulturschaffende, etwa durch eine Verkürzung der Mindestanwartschaften beim Arbeitslosengeld I. Das sind Positionen, die sich mit den Grünen und Linken einfacher realisieren ließen als mit dem bisherigen Koalitionspartner.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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