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INTELLEKTUELLe
Alexander Heinrich
Vom Gedanken zur Tat

Künstler haben keine Macht, aber manchmal Einfluss auf die Politik. Über eine komplizierte Beziehung

Der Bundeskanzler ist außer sich: Es sei ja heute Mode geworden, dass die Dichter unter die Sozialpolitiker und die Sozialkritiker gehen würden. "Von Tuten und Blasen keine Ahnung", schimpfte Ludwig Erhard (CDU) im Wahlkampf 1965. "Ich habe keine Lust, mich mit Herrn Hochhuth zu unterhalten über Wirtschafts- und Sozialpolitik, um das einmal ganz deutlich zu sagen und das Kind beim Namen zu nennen. Ich würde mir auch nicht anmaßen, Herrn Professor Heisenberg gute Lehren über Kernphysik zu erteilen." Nein, so habe man nicht gewettet, schloss Erhard und ließ dann einen Satz fallen, der ihm bis heute nachhängt: "Da hört der Dichter auf, da fängt der ganz kleine Pinscher an."

Brüderstreit Künstler und Politiker, Intellektuelle und Entscheider, Geist und die Macht: Das Verhältnis ist kompliziert - und zwar nicht nur im Wahljahr 1965, als Schriftsteller wie Günter Grass und Rolf Hochhuth für die SPD trommelten. Wie auch immer sich Intellektuelle in politischen Fragen positionieren, sie können es nur falsch machen: Entweder wird ihnen Schweigen vorgeworfen, wo sie sich doch einmischen sollten - oder aber es wird ihre Einmischung beklagt, wo sie doch besser geschwiegen hätten. Der Zwiespalt findet sich vor ziemlich genau 100 Jahren schon im berühmten Bruderzwist von Heinrich und Thomas Mann: hier der engagierte Schriftsteller als Streiter für die Demokratie und gegen den kaiserlichen Obrigkeitsstaat, dort der Autor der "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918), der zumindest in dieser Zeit den Begriff des Geistes gegen die Politik stellt, Kultur gegen Zivilisation, Seele gegen Gesellschaft und damit versucht, einen deutschen Sonderweg zu begründen. Mit den Niederungen von Tagespolitik mag sich Thomas Mann nicht abgeben. Für den Künstler gelte es, die Autonomie des Geistes zu behaupten, die Hände schmutzig machen mögen sich Frankreich-affine "Zivilisationsliteraten" wie sein Bruder Heinrich.

Aber auch dessen Rolle ist höchst ambivalent. Seit Émile Zolas öffentlichen Aufruf "J'accuse...!" ("Ich klage an...!) in der Dreyfus-Affäre im Jahre 1898 gibt es eine moderne Rollenbeschreibung des Intellektuellen, der seinen auf dem Feld der Wissenschaften, Literatur oder anderer Künste erworbenen Ruf öffentlich mobilisierend in die Waagschale wirft: Der Künstler als Mahner, als Gewissen, als Empörer, der im Dienste verallgemeinerbarer höherer Interessen ein Krisensymptom, einen Skandal, eine Fehlentwicklung erkennt und anzeigt. Kein anderer Intellektueller verkörperte diesen Typus im 20. Jahrhundert mehr als der französische Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre.

Es gibt in dieser Beschreibung aber einen blinden Fleck. Er lässt sich in der einfachen Frage zusammenfassen, warum dem Dichter oder Künstler in politischen Dingen mehr Gehör geschenkt werden soll als zum Beispiel einem Boxtrainer oder Schlagerstar.

Schreibstube Günter Grass war wohl nicht glücklich darüber, dass ihm der so bewunderte Willy Brandt, als erster SPD-Bundeskanzler seit 1969 im Amt, nicht eine einflussreichere Rolle zudachte. Trotz des Engagements als Gründer des "Wahlkontors deutscher Schriftsteller" und Wahlkämpfers für die "Es-Pe-De" wurde Grass eben nicht Top-Berater und Redenschreiber im Kanzleramt. Und jene Geistesmenschen, die das wurden, taten nach Ansicht so mancher Beobachter mit daran, dass "ihr" Brandt am Ende die Kanzlerschaft verstolperte: Hier der "Chef der Schreibstube", Klaus Harpprecht, ein glänzender Stilist, der nach Meinung des Politikwissenschaftlers Franz Walter tief in die Harfe griff, um das politische Publikum zu betören und darüber manchmal das Gespür dafür verlor, dass dieser hohe Ton nicht immer zum Kanzler passte. Und dort Günter Gaus, ein brillanter Analytiker, der laut Walter gern ein deutscher Henry Kissinger geworden wäre, als "Denkmalpfleger" Brandts mit den Niederungen einer zunehmend schwierigen Regierungspolitik aber wenig am Hut hatte.

"Niemand ist durch Macht so leicht verführbar wie der Intellektuelle", so formuliert es der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann in einem Essay im Jahre 2011. Ohne dessen Namen zu nennen spielte Liessmann auf den französischen Autoren Bernard-Henri Lévy an, der seinen damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy von der dringlichen Notwendigkeit einer militärischen Intervention in Gaddafis Libyen überzeugt haben will. Für Liessman ist das weniger Ausweis von Lévys politischen Sachverstand als vielmehr einer "Korrumpiertheit seines Geistes". Bei einem so verstandenen Engagement gehe es nicht mehr um intellektuelle Analyse und Kritik von Macht, sondern um Deutungshoheit über Gut und Böse: Der Künstler als Fürsteneinflüsterer mit dem heimlichen Wunsch, sich auch einmal die Hände schmutzig zu machen.

Die wenigen Augenblicke in der Geschichte, in denen Dichter und Denker tatsächlich das Ruder an sich reißen, nicht nur über kommunikative oder argumentative Macht, sondern über Apparate und Gewehrläufe verfügen, zeigen ein ziemlich gemischtes Bild: Leo Trotzki führte Armeen in einen mörderischen Bürgerkrieg, Maximilien de Robespierre wütete im Wohlfahrtsausschuss als Blutrichter der französischen Revolution. Es gibt sicherlich auch die andere Seite - die befriedenden Dichter- und Denkerpräsidenten oder -premiers in Osteuropa nach 1989, Václav Havel in Tschechien zum Beispiel oder Tadeusz Mazowiecki in Polen. Doch die Abgründe, die sich auftun können, wenn Ideen und Ideale aus Dichterstuben, Ateliers und Professorentürmen geradewegs in die Staatskanzleien wandern oder auf der Straße sich Bahn brechen, hat Heinrich Heine - mit einiger Ironie - in seiner Formel von Gedanke und Tat skizziert: "Der Gedanke geht der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig, und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht." Ein Stück werde dann aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die Französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen werde. In Deutschland waren diese Zeilen seinerzeit zensiert worden. Aber es ist kein Zufall, dass sie 1870 im französischen Parlament erörtert und während des Zweiten Weltkriegs in englischen Zeitungen abgedruckt wurden. Man hatte in beiden Ländern so seine Erfahrungen mit Denkern, die die Welt nicht nur verschieden interpretieren, sondern auch verändern wollten.

Die Sphären der Kunst und des Politischen stehen in einem unauflösbaren Spannungsbogen: Politik, erst recht die Demokratie, sucht den Kompromiss. Der Künstler mit dem Anspruch auf Alleinzugriff auf seinen Stoff dürfte mit dem Kompromiss wenig anfangen können, so wie umgekehrt kein demokratisches Gremium per Mehrheitsentscheid ernsthaft darüber befinden kann, was als schön oder künstlerisch gelungen zu gelten habe.

Resonanz Heute müssen Intellektuelle mit politischen Forderungen gegen ein mediales und digitales Grundrauschen des millionenfachen Meinens und Mitteilens ankommen, gegen das zu behaupten sich selbst etablierte Medienhäuser schwer tun: Es ist nicht so, dass es ganzseitige Zeitungsanzeigen und Aufrufe nicht mehr geben würde, mit denen Dichter, Künstler, Schauspieler, Musiker mahnen, warnen, rügen, protestieren. Und noch immer finden sich Aufrufe künstlerischer Prominenz in Wahljahren, die mit ihrem Namen für eine Partei - meist eher im linken Spektrum - wirbt. Doch finden solche Initiativen nicht mehr die Resonanz wie das noch zu Zeiten Brandts der Fall war und selbst noch in den 1980er Jahren, als der Künstler Joseph Beuys für die Grünen sang und der Schriftsteller Heinrich Böll alles dafür tun wollte, "um die Grünen in den Bundestag zu hieven". Die Stimme der Künstler und Denker ist eine unter vielen geworden. Und womöglich war das Bild des "Sehers" an der Seite des "Staatenlenkers" immer vor allem dies: eine Wunschvorstellung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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