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Sprachen
Jan Rübel
»Mark di dat«

Minderheitssprachen und Dialekte haben einen schweren Stand. Renaissance durch »modernes Heimatgefühl«

Auf dem Schreibtisch von Elke Brückmann stapeln sich die ersten tausend Wörter. "Mien eerste dusend Woorden" steht auf der Manuskriptseite, "die lesen wir gerade Korrektur", sagt sie. Bald soll das Grundwortschatzbuch in ostfriesischem Platt erscheinen, für Kitas und Grundschulen. Die 55-Jährige arbeitet in keinem Verlag, sie ist Mitarbeiterin des Plattdüütsk-Büros der Ostfriesischen Landschaft in Aurich, einem Höheren Kommunalverband, der staatliche Aufgaben auf dem Gebiet der Kultur, Wissenschaft und Bildung wahrnimmt. Ihr Arbeitsziel fasst sie knapp zusammen: "Wir erhalten unser Plattdeutsch!"

Es gibt eben nicht nur Hochdeutsch. Baden-Württemberg wirbt seit Jahren mit dem Slogan "Wir können alles. Nur kein Hochdeutsch." Was aber passiert, wenn die Hochsprache die anderen Dialekte und Mundarten, die Minderheiten- und Regionalsprachen verdrängt? In Europa leben rund 400 europäische Minderheiten, jeder siebte Europäer gehört einer autochthonen Minderheit an oder spricht eine Minderheiten- oder Regionalsprache. Nur verändert sich da etwas.

"Die Alten von heute, die sprachen als Kinder immer Platt", bilanziert Brückmann. "Das ist heute nicht mehr so, daher verankern wir dieses Sprachwissen in Kitas und Grundschulen." Eine Umfrage im Auftrag des Instituts für Niederdeutsche Sprachen in Bremen kam im Dezember 2016 zum Ergebnis, dass ein lang anhaltender Negativtrend zumindest gestoppt ist. Meinten im Jahr 1984 noch 20 Prozent der Befragten, sehr gut Plattdeutsch zu sprechen, waren es 2007 nur noch sechs Prozent, nun sind es 6,2 Prozent. Und im Verständnis gibt es gar eine Positivmeldung: Von 41 Prozent im Jahr 1984, die meinten Plattdeutsch sehr gut zu verstehen, entwickelte sich diese Zahl über 15,8 Prozent (2007) hin zu heutigen 20,9 Prozent.

Das Grundwortschatzbuch ist nicht das einzige Projekt im Plattdüütsk-Büro der Ostfriesischen Landschaft. Zwei Festangestellte und weitere Projekt-Angestellte haben eine Grammatik und ein Online-Wörterbuch erstellt, welches in den vergangenen zwei Jahren zwei Millionen Klicks erfuhr. Gerade in Druck ist eine Art Memory-Spiel "Mark di dat" (Merk es dir), mit Kartenpaaren wie Muus (Maus), Book (Buch) und Ritsicken (Streichhölzer). Und das Büro koordiniert bilinguale Erziehung - in 40 bis 50 Kitas, in denen eine Erzieherin nur Plattdeutsch spricht, oder fünf Schulen, die zumindest ein Schulfach auf Plattdeutsch unterrichten. "Eine Evaluation hat im vergangenen Jahr ergeben, dass nicht nur die Sprachergebnisse sehr gut waren, sondern dass die Schüler auch im Fach Englisch einen Tick besser geworden waren", sagt Brückmann. "Zugereiste zeigen sich sehr offen gegenüber dem Plattdeutsch, auch Migrantenfamilien", sagt sie. Ein Problem: Der Bund fördert Plattdeutsch nicht so wie Sprachen der nationalen Minderheiten, wie etwa Friesen oder Sorben. In Deutschland fallen Nordfriesisch, Saterfriesisch, Dänisch, Sorbisch, Wendisch und Romanes unter die Definition einer Minderheitensprache.

"Nur mit einer kontinuierlichen und verlässlichen finanziellen Unterstützung wird es möglich sein, in allen Bereichen mehr Stellen für Plattdeutsch zu schaffen", sagt Brückmann, "und damit ein höheres Maß an Professionalität zu erreichen."

Das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern hat sich im vergangenen Jahr ein "Heimatprogramm" verordnet, welches sich neben der Sprachförderung einem "modernen Heimatgefühl" der Bevölkerung widmet. Traditionelle Trachten sollen neu gedacht werden, eine Landeshymne soll geschrieben werden - und Niederdeutsch als Abiturfach möglich sein. "Die Niederdeutsch-Pflege ist bei uns Verfassungsauftrag und Folge der EU-Charta der Regionalsprachen", sagte SPD-Kultusminister Mathias Brodkorb der "taz". "25 Jahre nach der Wende gibt es außerdem eine Identitätssuche der Menschen."

Sprachen sind Spiegel der Geschichte. Der Umgang mit dem Sorbischen etwa sagt auch etwas aus über herrschende Politik. Seit der Völkerwanderung im 6. nachchristlichen Jahrhundert ist jene westslawische Sprache auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands verbreitet, mit einem Schwerpunkt in der Lausitz. Heute leben 60.000 Sorben in Deutschland, 40.000 in Sachsen und 20.000 in Brandenburg. Während die Romantik für einen Aufschwung des Sorbischen sorgte, praktizierte Preußen eine rigide "Eindeutschungspolitik". In der Weimarer Republik waren sorbische Sprache und Kultur nicht wohlgelitten - und in der Naziherrschaft gleich brutal unterdrückt. Die DDR wiederum förderte die Zweisprachigkeit, was schließlich mit dem Einigungsvertrag Eingang in die Bundesrepublik fand. Heute versuchen Politik und Wissenschaft, das Sorbische weiterhin in der Gesellschaft zu verankern. Man geht vor wie im Norden beim Niederdeutschen: durch Unterricht in Schulen, aber auch mit Zeitungen, Zeitschriften und monatlichen halbstündigen Fernsehmagazinen oder Radiosendungen.

Romanes als Familiensprache Einen anderen Weg gehen die Sprecher des Romanes, der Sprache der deutschen Sinti und Roma. "Wir wissen gar nicht, wie viele es in Deutschland gibt", sagt Oliver von Mengersen vom Bildungsreferat des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma in Heidelberg. Schätzungen gehen von 70.000 bis 100.000 aus. Sinti als Teilgruppe der Roma leben seit über 600 Jahren in Deutschland. "Segregation ist unsere Sache nicht", sagt von Mengersen. "Wir wollen, dass Sinti wie Roma als gleichberechtigte Bürger in ihren Ländern anerkannt werden." Das Romanes indes ist ein wichtiges Bindeglied in den Familien, "es wird oft als zweite Muttersprache neben Deutsch gesprochen". Eine systematische staatliche oder private Förderung gibt es bislang nicht.

Während zum Beispiel in Ungarn oder Frankreich das Romanes immer weniger gesprochen wird, hält es sich in Deutschland durch den starken Zusammenhalt in den Familien. Und der hat eine historische Dimension.

Im Nationalsozialismus wurden Sinti massenhaft verfolgt und umgebracht. Die Erforschung ihrer Sprache, deren Verschriftlichung in Europa erst jetzt langsam anfängt Gestalt anzunehmen, erfolgte damals oft aus polizeitaktischen Erwägungen heraus. Später, in der Bundesrepublik, litten die wenigen Überlebenden daran, dass der Völkermord an ihnen jahrzehntelang geleugnet und Entschädigungen verweigert wurden. Eine Wende zeichnete sich erst ab, nachdem 1980 zwölf Sinti das ehemalige KZ in Dachau besetzten und in einen Hungerstreik traten. Sie protestierten auch gegen rassistische Sondererfassungen der Sinti durch Justiz und Polizei - auf der Grundlage alter Naziakten. Damals gab es zum Beispiel in München noch eine "Landfahrerzentrale" zur Erfassung von Sinti. Leiter war ein Mann, der schon während des Naziregimes in der "Zigeunerzentrale" gearbeitet hatte.

Heute gehören die deutschen Sinti und Roma zu den anerkannten nationalen Minderheiten, ihre Sprache ist in die europäische Sprachencharta aufgenommen worden; dennoch steht öffentlicher Gebrauch unter Vorbehalt. "Aus der Erfahrung der Verfolgung und der späteren Nichtanerkennung kommt von den Überlebenden der Rat, die Sprache an Nicht-Sinti nicht weiterzugeben", sagt von Mengersen. "Wir sind sehr vorsichtig."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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