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AUSWÄRTIGES
Florian Zimmer-Amrhein
Austausch bei den Manns

Die deutsche Kultur- und Bildungsdiplomatie gewinnt immer mehr an Bedeutung

Die Nachricht hallte im vergangenen Jahr wie ein Stoßseufzer der Erleichterung durch die deutsche Presse: Die Thomas-Mann-Villa in Los Angeles ist gerettet. Das Haus im noblen Stadtteil Pacific Palisades, in dem der deutsche Schriftsteller und Nobelpreisträger nach seiner Emigration aus Nazideutschland von 1941 bis 1952 lebte und das in dieser Zeit zu einem illustren Treffpunkt für deutsche Exilanten, Künstler und Intellektuelle wurde, stand lange leer und verwilderte zunehmend. Eine Maklerfirma bot die verwaiste Immobilie zwischenzeitlich für knapp 15 Millionen US-Dollar feil - mit dem Verweis, die Villa sei nicht denkmalgeschützt und könne abgerissen werden.

Im November 2016 verkündete dann aber das Auswärtige Amt in Berlin: Die Bundesregierung habe das Gebäude erworben und die Stiftung der ebenfalls in Pacific Palisades beheimateten Künstlerresidenz Villa Aurora beauftragt, das Haus zu renovieren und dort ein Residenzprogramm zu etablieren. Im Geiste Thomas Manns sollen künftig wieder Intellektuelle und Kulturschaffende dort einziehen und über die großen Fragen unserer Zeit debattieren. Derzeit sei man noch in der Planungsphase, informiert die Geschäftsführerin der Villa Aurora, Annette Rupp. Die Renovierungsarbeiten sollen noch in diesem Jahr beginnen. Immerhin: Der Garten sei bereits wieder hergerichtet worden. Das einstige "Weiße Haus des Exils" - so brachte der ehemalige Außenminister und heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) die kulturhistorische Bedeutung der Thomas-Mann-Villa auf den Punkt - erwacht also langsam wieder zum Leben.

Dass der Erhalt der Villa just eine Woche nach dem Wahlsieg Donald Trumps verkündet wurde, könnte symbolträchtiger kaum sein. "Jeder, der im Augenblick in die USA schaut, weiß, dass es dringend notwendig ist, unsere Präsenz, unsere Anwesenheit dort zu erhöhen", hatte Steinmeier noch im vergangenen September während einer Plenarsitzung im Bundestag verkündet, bei der es um die Grundsätze und Ziele Auswärtiger Kultur- und Bildungspolitik, kurz AKBP, ging. Steinmeier kündigte an, neben dem Thomas-Mann-Haus auch den einstigen Sitz des Goethe-Instituts in der Fifth Avenue in New York wiederzubeleben. In bester Lage soll dort ein Zentrum für den deutsch-amerikanischen Kulturaustausch entstehen. Die geplante "German Academy New York" soll unter dem Motto "Gemeinsame Geschichte - Gemeinsame Vision" ein weit gefächertes Kulturprogramm anbieten sowie bis zu 15 Stipendiaten beherbergen.

Kulturförderung also als außenpolitisches Instrument in diplomatisch schwierigen Zeiten? Projekte wie das Thomas-Mann-Haus oder die German Academy können jedenfalls als anschauliche Beispiele dafür dienen, dass die AKBP - lange eher ein Randgebiet der Außenpolitik - mittlerweile zu einem integralen Bestandteil deutscher Diplomatie geworden ist. In einem Entschließungsantrag hat der Deutsche Bundestag das noch einmal festgeschrieben (18/9796). Dort heißt es: Die AKBP sei "neben den politischen und wirtschaftlichen auswärtigen Beziehungen die dritte, tragende Säule deutscher Außenpolitik."

Rekord Mit der in den vergangenen zwei Jahrzehnten vollzogenen Entwicklung hin zu einer Außen- und Entwicklungspolitik, die auf sogenannte "Soft Power"-Strategien und eine stärkere Einbindung der lokalen Zivilgesellschaft setzt, hat sich auch die Bedeutung der AKBP verändert. 2011 wurden die strategischen Leitlinien, die die Bundesregierung für kulturelle Mittlerorganisationen (siehe Spalte links) ausgibt, entsprechend neu verfasst. Bereiche der Öffentlichkeitsarbeit und Projektkoordination wurden im Auswärtigen Amt in neuen Abteilungen gebündelt und neu organisiert.

Die Mittel wurden insbesondere in der laufenden Legislaturperiode noch einmal deutlich aufgestockt. Der Etat des Auswärtigen Amtes für AKBP liegt 2017 bei der Rekordsumme von 923 Millionen Euro. Die zusätzlichen Gelder kommen unter anderem dem Bildungs- und Wissenschaftsaustausch zugute. Auch die deutschen Sprachangebote im Ausland sollen weiter ausgebaut werden. Die 2008 ins Leben gerufene Initiative "Schulen: Partner der Zukunft" (PASCH) fördert und vernetzt weltweit Schulen, an denen Deutsch unterrichtet wird. Das PASCH-Netzwerk umfasst heute knapp 1.900 Schulen und soll weiter wachsen. Mit dem 2014 in Kraft getretenen Auslandsschulgesetz wurde zudem erstmals ein gesetzlicher Anspruch auf Förderung für Deutsche Auslandsschulen geschaffen.

Neben den wieder verstärkt aufgekommenen Fragestellungen zur europäischen Partnerschaft und Identität liegt heute ein besonderer Fokus auf Kultur- und Bildungsprojekten in Krisenregionen. Der aktuelle Jahresbericht zur AKBP hält dazu fest: "Gerade in Anbetracht der zahlreichen Krisenherde in aller Welt kann sich die AKBP nicht mehr nur nach ästhetischen Kriterien ausrichten. Sie muss sich um gesellschaftliche Fragen kümmern. Sie muss einen Beitrag zu einer humaneren Gesellschaft leisten." Diese Erkenntnis spiegelt sich in vielen laufenden Projekten wieder, die sich zum Beispiel mit ziviler Krisenprävention oder Bildungs- und Kulturangeboten für Flüchtlinge in Drittländern beschäftigen.

Anlässlich der Zerstörung antiker Kulturstätten durch den Islamischen Staat (IS) in Syrien und dem Irak ist auch der Schutz kulturellen Erbes noch stärker als zuvor zu einem Kernthema geworden. Angestoßen durch das Deutsche Archäologische Institut (DAI) hat sich im April 2016 ein Netzwerk aus 18 wissenschaftlichen Instituten und Organisationen gegründet, um deutsche Expertisen zum Kulturerhalt zu bündeln. Mit seinen Partnern hat das DAI Projekte wie "Stunde Null - eine Zukunft nach der Krise" oder das "Syrian Heritage Archive Project" initiiert , die zum Ziel haben, Forschungsdaten zu syrischen Kulturschätzen digital zu archivieren und syrische Fachkräfte auszubilden, damit diese ihr zerstörtes Kulturerbe künftig wieder aufbauen können.

Unterausschuss "Fluchtursachenbekämpfung, die Förderung des Zusammenhaltes in Europa und die verstärkte Förderung der transatlantischen Beziehungen werden zusammen mit den Beiträgen zur Krisenprävention durch Kultur und Bildung auch in den kommenden Jahren die Schwerpunkte der AKBP unter anderem ausmachen", meint Bernd Fabritius (CSU). Der Vorsitzende des Unterausschusses AKBP des Bundestages bereitet die Arbeit des Auswärtigen Amtes und seinen Mittlerorganisationen in diesem Bereich maßgeblich vor und koordiniert sie. Angesichts großer außenpolitischer Herausforderungen sei AKBP mehr denn je unverzichtbar, um nachhaltige Lösungen zu bieten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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