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Susanne Kailitz
Wertvolle Marke und Zankapfel

Der Weltkulturerbe-Titel ist begehrt, aber immer wieder auch Gegenstand politischer Auseinandersetzungen

Bei Städten und Gemeinden ist er begehrt wie kaum ein zweiter, denn er bringt Touristen, Prestige und Geld: der Titel "Unesco-Welterbe". Wer ihn erhält, steigt quasi in die Champions League des Tourismus auf und darf sich über weltweite Aufmerksamkeit freuen. Manchmal aber birgt der Titel auch Probleme.

Aktuell sind 1.052 Stätten in 165 Ländern auf der Unesco-Liste des Welterbes gelistet. 814 werden als Weltkulturerbe, 203 als Weltnaturerbe geführt. 35 Stätten sind in beide Kategorien eingeordnet. Basis ist das Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Welterbes der Welt, die 1972 in Paris verabschiedet wurde. Zu den ersten offiziell als Welterbe deklarierten Stätten gehörten die Felsenkirchen im äthiopischen Lalibela, der Aachener Dom, die ecuadorianischen Galapagos-Inseln und der US-amerikanische Yellowstone-Nationalpark.

Außergewöhnliche Orte Jedes Jahr im Sommer kommt das Welterbe-Komitee zusammen, um aus einer Liste von Vorschlägen neue Stätten auszuwählen, die "universelle Bedeutung" aus historischen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Gründen haben. Sie alle müssen die Kriterien der Einzigartigkeit, der Authentizität und der Integrität erfüllen, um anerkannt zu werden - und eines oder mehrere weitere Merkmale aufweisen, die die Unesco definiert hat. Kulturerbe können demnach Meisterwerke der menschlichen Schöpferkraft sein, einzigartige oder mindestens außergewöhnliche Zeugnisse einer kultureller Tradition oder einer Kultur. Oder die Stätte ist in erkennbarer Weise mit Ereignissen, Ideen oder Lebensformen von außergewöhnlicher universeller Bedeutung verknüpft. Zum Naturerbe können überragende Naturerscheinungen oder Gebiete von außergewöhnlicher Naturschönheit und ästhetischer Bedeutung werden oder Orte, die dafür außergewöhnliche ökologischer oder biologischer Prozesse oder Hauptstufen der Erdgeschichte stehen.

Für die meisten Länder, Regionen oder Städte, die sich um die Aufnahme auf die Liste bemühen, gilt der Welterbe-Titel als wertvolle Marke. In vielen Staaten werden wie in Deutschland die als Welterbe deklarierten Stätten besonders beworben und - etwa bei der Städtebauförderung - bevorzugt. Und auch wenn die Unesco keine Möglichkeiten hat, Verstöße gegen die Konvention wirklich zu sanktionieren: Meist reicht schon die Androhung, eine Stätte könne auf die rote Liste bedrohter Welterbestätten gesetzt werden, damit alle Beteiligten sich um Kompromisse bemühen. Meist - aber nicht immer: So ließ die sächsische Landeshauptstadt es vor einigen Jahren darauf ankommen, indem sie eine vierspurige Brücke in das Dresdner Elbtal baute, das daraufhin den Titel 2009 - nur wenige Jahre nach der Verleihung - wieder verlor. Während es aus Dresden seither heißt, der Tourismus habe durch den Verlust des Titels keinen Schaden genommen, sprechen viele Experten von einer beispiellosen Blamage. In jedem Fall hat das Dresdner Beispiel deutlich gemacht, dass der Titel nicht nur ein touristisches Gütesiegel ist, sondern konkrete Auswirkungen etwa auf die Stadtplanung und damit wirtschaftliche Erwägungen hat. Dies wird aktuell besonders deutlich in Wien: Hier will die Stadt den Heumarkt neu gestalten - soll Wien der Titel erhalten bleiben, darf er als Teil der historischen Innenstadt aber nicht wie geplant modernisiert werden.

Auch anderswo sind Welterbestätten wie das Great Barrier Reef, die Sumpflandschaft der Everglades oder die Buddha-Statuen von Bamiyanschon zerstört oder bedroht: durch den Klimawandel, den Bau von Pipelines, Ackerbau globaler Unternehmen oder die Zerstörung durch Terroristen, Söldner oder Rebellen. Und manchmal werden sie selbst zu Gegenständen der politischen Auseinandersetzung: So sind "Altstadt und Stadtmauern von Jerusalem" seit 1981 Weltkulturerbe, ohne einem einzigen Staat zugeordnet zu sein. Dass in einem Unesco-Text aus dem vergangenen Jahr für den Jerusalemer Tempelberg nur der arabische Namen benutzt und dieser als palästinensisches Kulturerbe bezeichnet wurde, sorgte für Spannungen - Israel legte die Zusammenarbeit mit der Unesco sofort auf Eis. Auch Japan verweigerte der Unesco im Streit um Dokumente über die sogenannten Trostfrauen, die in Kriegsbordellen zwangsprostituiert wurden, einen Teil der Beitragsgelder, die die Länder überweisen sollen. Und die USA wollen nicht zahlen, seit Palästina 2011 als Vollmitglied in die Unesco-Generalversammlung aufgenommen wurde.

»Inflationäre Titelvergabe « Für das Jahr 2016/17 stehen der Unesco 518 Millionen US-Dollar zur Verfügung, 57 Millionen Dollar davon entfallen auf ihr Kulturprogramm. Aktuell sucht die deutsche Unesco-Kommission nach Beispielen für "immaterielles Kulturerebe in und aus Deutschland" - etwa Orgelbau, Poetry Slam oder Hebammenwissen. Diese Ausweitung der Welterbestätten, die die Unesco 2003 verabschiedet hat und die 2010 der französischen Küche den Welterbe-Titel einbrachte, ist nicht unumstritten. Kritiker sehen darin den Versuch, eine bestimmte Lebensweise zu konservieren. Eine inflationäre Titelvergabe sei das - die den wirklich schützenswerten Kulturgütern die Aufmerksamkeit stehle.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Dresden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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