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KULTURNATION
Dieter Borchmeyer
Verpflichtung einer Idee

Entstehung, Entwicklung und Lesarten eines spezifisch deutschen Begriffs

Fragt man einen Engländer, Franzosen oder Spanier, ob er sich einer Kulturnation zugehörig fühlt, wird er in der Regel verwundert reagieren: einer Nation gehört er ja unzweifelhaft an, und die Kultur ist für ihn selbstverständlicher Bestandteil dieser Nation, aber die Abgrenzung einer Kulturnation von der Nation schlechthin wird ihm kaum einleuchten. "Kulturnation" ist ein spezifisch deutscher Begriff, der ursprünglich demjenigen der "Staatsnation" entgegengesetzt ist. Diese Unterscheidung geht vor allem auf die Definitionen des Historikers Friedrich Meinecke zurück, der in seinem Buch "Weltbürgertum und Nationalstaat" (1908) den Begriff "Kulturnation" auf Vorstellungen bezogen hat, "die vorzugsweise auf einem (...) gemeinsam erlebten Kulturbesitz beruhen", und Staatsnation auf solche, "die vorzugsweise auf der vereinigenden Kraft einer gemeinsamen politischen Geschichte und Verfassung beruhen". Seit dem 18. Jahrhundert sei der Begriff der Nation sowohl als Ausdruck der Stammes- und Spracheinheit ("Kulturgemeinschaft") verwendet worden als auch für die Gesamtheit der Reichsangehörigen ("Staatengemeinschaft").

Die berühmteste Formulierung hat die Idee der Kulturnation in den Distichen "Das deutsche Reich" und "Deutscher Nationalcharakter" aus den "Xenien" von Goethe und Schiller gefunden: "Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden. / Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf." Und: "Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens. / Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus." Intellektuelles und politisches Deutschland klaffen diesen "Xenien" zufolge regelrecht auseinander; Nation im politischen Sinne können die Deutschen nicht sein, dafür haben sie eine allgemein-menschliche Mission. Wenn Goethe und Schiller hier von Nation reden, so meinen sie mithin den modernen Begriff der Staatsnation - welche die Deutschen eben nicht bilden. Im alteuropäischen Sinne aber sind sie als Sprachgemeinschaft längst Nation gewesen.

Die moderne Nationalidee entwickelte sich in Deutschland Ende des 18. Jahrhunderts in engem Zusammenhang mit kosmopolitischen Vorstellungen. Nation wurde in erster Linie als kulturelles, nicht als politisches Phänomen aufgefasst. Die "Überzeugung vom Universalberuf der deutschen Nation und daß sie die eigentliche Menschheitsnation sei", verbindet nach Friedrich Meinecke zumal die Weimarer Klassik und die Frühromantik. Eines der bemerkenswertesten Dokumente dafür ist ein nachgelassenes Gedichtfragment Schillers aus dem Jahre 1801, das sich auf die politische Situation nach dem Frieden von Lunéville bezieht, welcher den Zerfall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation einleitete. Sein Entdecker Bernhard Suphan hat dem Gedichtentwurf in seiner Ausgabe von 1902 den Titel "Deutsche Größe" gegeben, der eine Formel Schillers aus diesem Fragment übernimmt. "Darf der Deutsche", so fragt Schiller zu Beginn seines Entwurfs, "in diesem Augenblicke, wo er ruhmlos aus seinem tränenvollen Kriege geht, (...) - darf er sich fühlen? Darf er sich seines Namens rühmen und freun? Darf er sein Haupt erheben und mit Selbstgefühl auftreten in der Völker Reihe?"

Schillers Antwort: "Ja, er darfs!" Denn durch den politischen Niedergang hat er doch nichts von dem, was eigentlich "seinen Wert ausmacht", verloren. "Deutsches Reich und Deutsche Nation sind zweierlei Dinge." So Schiller lakonisch. Hier sind Staats- und Kulturnation bereits klar getrennt. Für Friedrich Meinecke bildet das Schillersche Fragment in seinem Buch "Weltbürgertum und Nationalstaat" ein wichtiges bestätigendes Quellendokument. "Abgesondert von dem politischen hat der Deutsche sich einen eigenen Wert gegründet, und wenn auch das Imperium unterginge, so bliebe die deutsche Würde unangefochten," heißt es bei Schiller. Diese Würde aber "ist eine sittliche Größe, sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation, die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist". Und "indem das politische Reich wankt, hat sich das geistige immer fester und vollkommener gebildet". Äußerungen wie diese sind durchaus repräsentativ für die idealistische Epoche. So bemerkt etwa Wilhelm von Humboldt anderthalb Jahrzehnte später in seiner Schrift "Über die Behandlung der Angelegenheiten des Deutschen Bundes durch Preußen" (1816), eine zentrale deutsche Staatsgewalt sei durchaus von Übel. "Niemand könnte dann hindern, daß nicht Deutschland (...) auch ein erobernder Staat würde, was kein ächter Deutscher wollen kann; da man bis jetzt wohl weiß, welche bedeutende Vorzüge in geistiger und wissenschaftlicher Bildung die deutschen Nation, so lange sie keine politische Richtung nach außen hatte, erreicht hat".

Hinter Äußerungen wie diesen haben spätere Kritiker aus dem Kreise der politischen Romantiker wie der patriotischen Freiheits- und Demokratiebewegungen eine Kompensation für die versagte politische Einheit der Deutschen gesehen. Die Kulturnation als Ersatzreich für die fehlende Staatsnation.

Schon Schillers Gedichtfragment "Deutsche Größe" birgt in sich die Gefahr, die Deutschen nicht nur als eine, sondern als die Kulturnation schlechthin zu betrachten. Noch deutlicher zeigt sich das in Fichtes nachgelassenen politischen Fragmenten von 1813. Die Mission der Deutschen, heißt es da, liege in der Zukunft, da ihr "Nationalcharakter" in ihrer "Existenz ohne Staat und über den Staat hinaus", also in ihrer "rein geistigen Ausbildung" gründe. Ein klares Bekenntnis Fichtes zu einer universalistisch geprägten Kulturnation. "Da wird nun tiefer zu unterscheiden sein das Nationale, was nur durch den Staat gebildet wird (und seine Bürger darin verschlingt), und dasjenige, welches über den Staat hinausliegt." Die Deutschen seien "berufen, und dazu da im ewigen Weltplane", einen Staat "von der ausgebildeten persönlichen Freiheit" her zu entwickeln. Sie muss "vor allem Staate" gesichert und dieser in ihr aufgehoben sein. So aber werde "ein wahrhaftes Reich des Rechts" entstehen, "wie es noch nie in der Welt erschienen ist, in aller der Begeisterung für Freiheit des Bürgers, die wir in der alten Welt erblicken, ohne Aufopferung der Mehrzahl der Menschen als Sklaven, ohne welche die alten Staaten nicht bestehen konnten: für Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles dessen, was Menschengesicht trägt."

Hier zeigt sich, daß auch die Idee der Kulturnation trotz ihrer universalistischen Elemente die Gefahr in sich birgt, in nationale Überheblichkeit umzuschlagen. Das ist freilich eine andere, sublimere Überheblichkeit als die des preußischen Machtstaates von 1871 und gar des Dritten Reichs. Gegen diese bis an die Zähne bewaffnete Staatsnation wurde im In- und Ausland immer wieder die alte deutsche Idee der Kulturnation ausgespielt. Diese erlebte noch einmal eine Auferstehung im Umkreis der Wiedervereinigung. Symptomatisch die Stimme von Günter Grass, der seit der friedlichen Revolution in der DDR für eine deutsche Mehrstaatlichkeit eingetreten war: für zwei deutsche Staatsnationen unter dem Dach einer gemeinsamen Kulturnation. Auschwitz habe die Idee einer einheitlichen Staatsnation für alle Zeiten unmöglich gemacht.

Die Gegenposition vertrat Martin Walser, der sich in seiner Rede "Über Deutschland reden" fast genau ein Jahr vor dem Mauerfall gegen die Versuche westdeutscher Intellektueller wandte, "einschlägig behäkelte Trostdeckchen über den Trennungsspalt" zwischen den beiden Teilen Deutschlands zu ziehen, namentlich das der "Abfindungsform Kulturnation". Damit wollte er sicher nichts gegen die historische Bedeutung dieser Idee, gegen deren Recht zu ihrer Zeit sagen, sondern nur wider ihren anachronistischen Missbrauch, durch den die politische Einheit der Nation nun verhindert werden sollte. Die Divergenz von Kultur- und Staatsnation ist spätestens seit der Wiedervereinigung Geschichte geworden. Doch was gleichwohl bleibt, ist die Verpflichtung, die Idee der Kulturnation in der Staatsnation im dreifachen Hegelschen Sinne aufzuheben, damit in Umkehrung des Goethe-Schillerschen Xenions das "gelehrte", das kulturelle Deutschland nicht da aufhört, wo das "politische" beginnt.

Der Autor ist Professor emiritus für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Heidelberg und war Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Jüngst erschien sein Buch "Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst" (Rowohlt Berlin).

Aus Politik und Zeitgeschichte

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