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EDITORIAL
Jörg Biallas
Bewegende Interaktion

Es wird viel diskutiert über Politik und Kultur in diesen Tagen. Wie lässt sich die deutsche Kultur von anderen Kulturen abgrenzen? Ist das überhaupt nötig? Was hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bewogen, seine kulturellen Leitsätze jetzt und in dieser Form zu publizieren? Schließlich: Hätte das Ganze nicht etwas intellektueller daherkommen können? Klar, "wir sind nicht Burka", wie es dort wörtlich heißt. Aber wir sind auch nicht Politessen-Anpöbeln, Kinder-Züchtigen und In-der-S-Bahn-Rauchen, um auf dem grammatikalisch prekären Niveau zu bleiben. Die große Mehrheit der Gesellschaft würde all das nicht tun, weil sie sich an die Gesetze hält. Denn dort sind die Spielregeln des kulturvollen Miteinanders definiert. In Deutschland wie in jedem anderen Rechtsstaat. Warum sollte dieser Maßstab nicht mehr ausreichen?

Politik und Kultur, das ist kein einfaches Verhältnis. Kultur ist alles, was das Leben in einer Gemeinschaft prägt oder geprägt hat: Geschichte, Kunst, Sprache, Bildung, Glaube und vieles mehr. Kultur erklärt Vergangenheit, spiegelt Gegenwart, gestaltet Zukunft. Sie ist die Summe der gesamtgesellschaftlichen Erfahrung und stets eine emotionale Angelegenheit.

Politik hingegen ist die Kunst der pragmatischen Lösung. Gefühle sind da eher störend. Und wenn sie doch in politische Prozesse einfließen, treffen sie allenfalls einen Zeitgeist. Nachhaltig nutzbare Ergebnisse resultieren aus emotionsgeladener Politik selten.

In diesem Spannungsfeld spielt die Kulturpolitik. Kategorien wie richtig oder falsch sind dort schwieriger als anderswo zu greifen. Braucht die Nation ein Denkmal für die Deutsche Einheit oder ist das überflüssig? Sollten wir uns Projekte wie die Elbphilharmonie leisten oder geht es auch eine Nummer kleiner? Sind Subventionen für Theater flächendeckend sinnvoll oder wäre es zielführender, die Mittel auf weniger Standorte zu konzentrieren? Argumente lassen sich, mit guten Gründen, jeweils für die eine wie die andere Seite finden.

Kultur ist dazu da, Bewährtes zu beschützen und Werte zu achten. Weit mehr noch ist sie aber ein Prozess, der im Bewusstsein des Vergangenen stetigem Wandel unterliegt. Politik und Kultur bedingen also einander. Diese Interaktion bewegt die Zeitläufte. Übrigens ganz ohne bemühte Definitionen einer Leitkultur.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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