Inhalt

Sören Chistian Reimer

Was läuft eigentlich schief in dieser Welt, dass die Orbans, Erdogans, Farages und Trumps mit ihren historisch überholt erhofften Ideen Erfolge feiern können? Das ist im Grunde die Kernfrage des Sammelbandes "Die große Regression". Das Buch erscheint in 14 Sprachen und will vom Titel her eine "internationale" Debatte abbilden, die aber faktisch vor allem eine internationale Debatte linker Intellektueller ist. Dabei ist es Herausgeber Heinrich Geiselberger gelungen, ein beeindruckendes Tableau Beitragender - von Slavoj Zizek und dem jüngst verstorbenen Zygmunt Baumann über Eva Illouz und Bruno Latour bis zu Wolfgang Streeck und Oliver Nachtwey - aufzufahren.

So unterschiedlich die Autoren, so unterschiedlich sind die Beiträge und Ansätze. Doch - grob verkürzt - schreiben alle Mitwirkenden um einen Glaubenssatz herum: Der Kapitalismus - in Form des "Neoliberalismus" - war, ist und bleibt die Geißel der Menschheit. Deregulierung, Globalisierung und Abbau des Wohlfahrtstaates haben demnach die Solidarität innerhalb der Gesellschaften zerschossen und die Demokratie entkernt. Und die (vermeintlich) Linke war dabei Komplize - mal in Form kulturell abgehobener Linker mit mangelndem Verständnis für die Belange "einfacher Menschen", mal in Form von Sozialdemokraten, die wie Blair eigentlich Neoliberale waren. Ideale Bedingungen also für chauvinistische, reaktionäre und nationalistische Kräfte, um bei den Abgehängten abzuräumen. Aber aus dem Aschehäufchen des Neoliberalismus, so die Hoffnung einiger Autoren, könnte die "echte" Linke als sozial gerechter Phoenix mit einer inklusiven, internationalistischen Gegenerzählung auferstehen. In der Gesamtheit liest sich das zwar etwas redundant, in ihrer Pointiertheit sind die meisten Beiträge aber mit Genuss zu lesen und regen zur entschiedenen Zustimmung oder heftigen Widerreden an. Dass in einem dezidiert progressiven Werk allerdings zwölf Männer und nur drei Frauen die Welt von links erklären dürfen, ist allerdings befremdlich.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag