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GRossbritannien
Stefanie Bolzen
Neue Dynamik

Theresa May droht Wahlniederlage

Tim Farron hatte zum Abschluss der TV-Debatte einen Ratschlag für die Zuschauer: "Nach dieser Sendung läuft auf der BBC die Serie ,Back Off'. Gehen Sie doch jetzt schnell und machen sich bis dahin einen Tee. Weil Ihre Zeit Theresa Mays Zeit nicht wert ist. Also geben Sie ihr auch keine Zeit", ätzte der Chef der Liberaldemokraten. Er hatte gerade sein Abschluss-Statement abgegeben, nach ihm waren die konservativen Tories dran - aber eben nicht vertreten durch die Premierministerin, sondern von Amber Rudd, Mays Innenministerin. Die Regierungschefin selbst hatte sich dem öffentlichen Schlagabtausch verweigert.

Zu Beginn des kurzen Wahlkampfs sah das nach einer guten Taktik aus, weil alle Umfragen die Konservativen uneinholbar in Führung sahen. Doch der Wind hat sich gegen Theresa May gedreht. Plötzlich sieht sie nicht mehr aus wie die über allem politischen Gezänk thronende Führungsfigur, die nicht in die Niederungen des gewohnt brutalen britischen Wahlkampfs heruntersteigen muss. Im Gegenteil: Ihr Fehlen in der Debatte mit den Chefs der anderen sechs großen und kleineren Parteien, ihr Beharren, dass sie im dem in der vergangenen Woche abgehaltenen "Duell" gegen Labour-Chef Jeremy Corbyn nicht von ihrem Herausforderer, sondern nur von den Studiogästen und den Moderatoren befragt werden durfte - diese Vermeidungstaktik erweist sich auf den letzten Metern als Bumerang.

Wolken am Himmel "Die einzige Person, mit der Theresa May bisher im Fernsehen debattiert hat, ist ihr Ehemann", witzelte der Comedian Armando Iannucci. Tatsächlich saß May mit ihrem Gatten Philip Mitte Mai auf dem Sofa der BBC-Frühstücksshow und diskutierte mit ihm, wer morgens den Müll rausbringt. Doch kurz danach brauten sich bereits die Wolken am Himmel über Downing Street Nummer 10, ihrem Amtssitz, zusammen.

Das Schlüsselwort für Theresas Mays Problem heißt indes nicht Brexit, sondern "Demenz-Steuer". Damit ist ein Punkt im Wahlprogramm der Tories gemeint, der womöglich ohne eine ausgewogene Abschätzung der Kollateralschäden hineingeschrieben wurde. Für die Altenpflege sollen künftig Immobilien, die häufigste Altersabsicherung der Briten, eingesetzt werden. Nur ein Restwert von umgerechnet 115.000 Euro solle geschützt werden. Die Oppositionsparteien empörten sich, weil diese Reform vor allem bei Langzeitpflegebedürftigen das Ersparte eines ganzen Lebens ausradieren könnte.

In der Folge halbierte sich in Umfragen der Vorsprung der Tories vor Labour binnen weniger Tage. Kurz darauf dann noch das Debatten-Debakel. May hatte es abgelehnt, direkt gegen Corbyn anzutreten, aber sie ließ sich auf ein Interview-Format ein, bei dem vor ihr der Rivale von einem Moderator und ausgewählten Gästen im Studio zu konkreten Politikfeldern befragt wurde. Und gleich danach noch einmal von Jeremy Paxman - Beiname "The Great Inquisitor". Der machte seinem Namen alle Ehre, nicht indem er die Premierministerin mit Fachfragen in Verlegenheit gebracht hätte. Es waren die einfachen Fallstricke, über die der Routinier die Konservative stolpern ließ. Ob sie sich bewusst sei, dass "sie für die größte politische Frage unserer Zeit die falsche Antwort hatte", sagte er gleich zu Beginn. Eine perplexe May sah sich zum Raten gezwungen. "Sie meinen Brexit?" Zum Glück war die Antwort richtig. Worauf die nächste Provokation folgte: "Sie meinen doch immer noch, dass es eine dumme Idee ist?" In den folgenden Minuten sahen Millionen Zuschauer May an die Grenze ihrer intellektuellen Fähigkeiten stoßen.

Wenige Tage vor der Wahl am Donnerstag dieser Woche ist die nach ihrem Amtsantritt im Juli 2016 so präsidentiell und unangreifbar wirkende May vollends in die Defensive geraten, was nach dem Terroranschlag in Manchester am 22. Mai besonders verwundert. Bevor sie Premier wurde, war May sechs Jahre lang Innenministerin und damit zuständig für Immigration und Anti-Terror-Kampf. Sich in diesem Job so lange halten zu können, ist in Großbritannien ein Erfolg. Doch weil die Ermittlungen über den Täter Salman Albedi belegen, dass es mehrfach Warnungen an die Behörden gegeben hatte, gerät auch Mays Leistung in die Kritik. Ihr Versuch, nach Manchester Corbyn anzugreifen und ihn als eine Gefahr für die innere Sicherheit darzustellen, ging nach hinten los. Stattdessen bekam der Rivale 46 Prozent Zustimmung für eine Rede, in der er sagte, der heimische Terror sei die Folge britischer Kriegspolitik im Nahen Osten.

Neue Popularität Selbst Corbyns lange Zeit verpönte "politische Weltfremdheit" schlägt sich auf einmal in mehr Zustimmung nieder. "Habe ich mir je im Leben vorgenommen, Premier zu werden? Nein. Ich habe mir im Leben vorgenommen, Dinge zu ändern und unserer Gesellschaft größere Gerechtigkeit zu bringen", gibt der Sozialist zu. Und plötzlich könnte genau der Mann, der nie Regierungschef werden wollte, der Regierungschefin gefährlich werden.

Die Autorin ist Korrespondentin der Tageszeitung "Die Welt" in London.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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