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IRAK
Birgit Svensson
Kinder im Ehebett

Immer mehr Mädchen werden früh verheiratet. Auch anderswo werden die Bräute immer jünger

Am Haupteingang des mit 60.000 Menschen größten Flüchtlingslagers im Nordirak herrscht eine merkwürdige Stimmung. Das Camp liegt in der Nähe der kurdischen Stadt Dohuk und heißt Domiz. Inmitten der provisorisch zusammengezimmerten Baracken, Wellblechhütten, Backsteinhäuschen und Wohncontainern versammeln sich kurz vor Sonnenuntergang schick gekleidete und üppig geschminkte junge Frauen und Mädchen zu einer Verlobungsfeier. Keine ist über 18 Jahre alt. Schüchtern erzählt die eine, dass sie nun ihren zukünftigen Ehemännern vorgestellt werden. Glücklich sehen sie dabei nicht aus. Eine Mutter rechtfertigt ihre Einwilligung so: "Was sollen wir denn tun? Wir müssen doch irgendwie überleben."

Ausweg aus der Armut Mitarbeiter von Hilfsorganisationen registrieren schon seit längerem eine drastisch zunehmende Zahl von Kinderehen in Flüchtlingslagern. Viele Eltern sähen im Brautpreis einen Ausweg aus der Armut. Andere meinen, dass ihre Töchter besser vor Belästigungen und sexueller Gewalt geschützt seien, wenn sie verheiratet sind. Durch die mangelnde Privatsphäre in den Lagern und die oft gemeinsame Nutzung von Toiletten und Duschen würden Mädchen unzüchtigen Männern ausgesetzt, die nicht zu ihrem familiären Kreis gehörten. Für die internationale Organisation "Save the Children" liegt ein weiterer Grund in der fehlenden Bildung, die die Eltern dazu treibt, ihre minderjährigen Töchter zu verheiraten. Mädchen würden durchschnittlich nur bis zum zehnten Lebensjahr in die Schule gehen. Manch einer hoffe, dass der Ehemann für die weitere Bildung der Frau sorgen werde. Denn durch eine Ehe geht das Sorgerecht des Vaters auf den Ehemann über und die Familie hat eine Sorge weniger.

Doch nicht nur in den syrischen Flüchtlingslagern werden immer mehr minderjährige Mädchen verheiratet. "Save the Children" spricht von einem weltweiten Trend. Das geht aus einem Bericht hervor, den die Kinderrechtsorganisation vor Kurzem veröffentlicht hat. Demnach leben derzeit weltweit rund 700 Millionen Frauen und Mädchen in Ehen, die sie vor ihrem 18. Lebensjahr eingehen mussten. Im Jahr 2050 könnten es bis zu 1,2 Milliarden sein, schätzt "Save the Children". In Ländern wie Afghanistan, dem Jemen, Indien und Somalia würden Mädchen teilweise schon im Alter von zehn Jahren verheiratet, heißt es in dem Bericht. Die Menschenrechtler rufen die Politik zu entschlossenem Handeln auf - Kinder gehörten in die Schule und nicht ins Ehebett.

Auch im Irak selbst werden die Bräute immer jünger. "Als meine Tante mir ihre 13-jährige Tochter Aziza zur Frau anbot, dachte ich, ich höre nicht richtig." Mustafa war damals 26, als er seine wesentlich jüngere Cousine heiraten sollte. "Der Altersunterschied war mir zu groß", begründet der Iraker zwei Jahre später seine Ablehnung. Er kenne Männer in seinem Alter, die sich daran ergötzen, dass ihre zukünftigen Frauen noch mit Puppen spielen, erzählt er. Aber dem könne er nichts abgewinnen. Dass Aziza minderjährig und noch ein Kind ist, sei jedoch nichts Außergewöhnliches. "Das ist hier häufig so", behauptet Mustafa. In Tuz Khurmatu gäbe es viele Ehen mit sehr jungen Frauen, allein in seinem Familien- und Bekanntenkreis könne er mindestens zehn aufzählen. Auch seine Mutter habe mit 14 geheiratet.

Die Stadt mit knapp 60.000 Einwohnern liegt etwa 90 Kilometer südlich der nordirakischen Ölmetropole Kirkuk und 175 Kilometer von der Hauptstadt Bagdad entfernt. Hier leben alle Volksgruppen Iraks zusammen: Kurden, Araber, Turkmenen und wenige Assyrer. Neulich geriet die Stadt in die Schlagzeilen, weil sich dort ein Vorgeschmack dessen bot, was nach dem Sieg über die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak passieren könnte. Eine Woche lang kämpften die Einwohner gegeneinander, Dutzende verloren ihr Leben, bevor ein mit iranischer Hilfe verhandelter Waffenstillstand das Blutvergießen vorerst beendete. Zwar war die Stadt selbst nicht vom IS eingenommen worden, aber ringsherum tobt das Kalifat. Erzählungen von minderjährigen Sexsklavinnen der IS-Kämpfer machen die Runde.

Die vielen Ehen mit Minderjährigen in Tuz Khurmatu auf ein gesteigertes Schutzbedürfnis in Zeiten des IS-Terrors zu schieben, greift aber zu kurz. Die Stadt steht stellvertretend für den gesamten Irak. Überall, auch in IS-freien Gebieten, stößt man zwischen Euphrat und Tigris auf Mädchen, die mit erheblich älteren Männern verheiratet werden, oder gar auf Kinderehen, bei denen beide Partner noch minderjährig sind. Das ist im Irak längst zum Phänomen geworden - auf dem Dorf, wie in Groß- und Kleinstädten. So schrieb die Journalistin und Filmemacherin Zahraa Ghandour schon vor den Eroberungszügen der Dschihadisten in einem Beitrag für die irakische Nachrichtenagentur über die zunehmenden Hochzeiten mit Minderjährigen: "Viele irakische Familien zwingen ihre minderjährigen Töchter zur frühen Heirat." Manche würden das harte Leben, die vielen Kriege seit 1980 und das Embargo in den 1990er Jahren dafür verantwortlich machen. Viele wollten einen Blutzoll durch eine Stammesfehde mit der Verheiratung ihrer minderjährigen Tochter bezahlen. Wieder andere beglichen mit dem Brautgeld ihre Schulden. Das alles geschähe auf dem Rücken der jungen Mädchen, sagt Zahraa Ghandour heute. "Sie sind die Hauptopfer der dramatischen Umwälzungen in diesem Land."

Eine von fünf Neuvermählten ist unter 18 Jahre alt, wie eine im Jahr 2014 veröffentlichte Statistik der Vereinten Nationen aufzeigt. Inzwischen dürfte die Zahl noch höher liegen.

Dabei sind die irakischen Gesetze durchaus zum Schutz der Mädchen gemacht. Das gesetzliche Heiratsalter ist auf 18 Jahre festgeschrieben. Ausnahmen bestimmen jedoch die Regel, eine gängige Praxis in orientalischen Ländern. Eine Zusatzbestimmung erlaubt die Heirat mit 15, wenn der Vater der Braut ein ärztliches Zeugnis vorlegt, das die medizinische Reife der Tochter attestiert. Die Eheschließung wird dann durch einen islamischen Geistlichen vollzogen und erst beim Standesamt eingetragen, wenn die Frau das achtzehnte Lebensjahr erreicht hat. Doch selbst diese Bestimmung wird mehr und mehr unterlaufen. Ehefrauen, die 14, zwölf und sogar elf Jahre alt sind, sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Die Bräute werden immer jünger.

Heiratsbüros eröffnet Besonders schiitische Geistliche haben in Moscheen Heiratsbüros eröffnet, wo sie Minderjährige über die Heirat beraten. Vor drei Jahren legte der damalige irakische Innenminister dem Parlament gar einen Gesetzesentwurf vor, der das heiratsfähige Alter für Mädchen auf neun Jahre herabsetzen sollte. Frauenrechtsgruppen, Menschenrechtsgruppen und andere zivilgesellschaftlichen Organisationen liefen Sturm gegen den Initiator des Entwurfs, einem schiitischen Imam. "Lasst unsere Mädchen in Ruhe" wurde zur Kampagne in den sozialen Medien und auf Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Bagdad. Inzwischen ist der Entwurf vom Tisch. Trotzdem steigt die Zahl der Kinderbräute bis heute kontinuierlich an.

Fälle in Deutschland Mittlerweile werden auch in Deutschland mehr Kinderehen registriert - bedingt durch den massiven Zuzug von Flüchtlingen. Den Behörden sind 1.475 ausländische Kinder und Jugendliche bekannt, die bereits verheiratet sind. Darunter sind 361 verheiratete Kinder unter 14 Jahren. Bei den meisten verheirateten Minderjährigen handele es sich um Mädchen (1.152), heißt es beim Bundesinnenministerium. Sie dürften bereits in der Heimat mit einem Erwachsenen verheiratet worden sein. Laut dem Ministerium zufolge handelt es sich bei den meisten minderjährig Verheirateten um Syrer, Afghanen und Iraker. Weitere Herkunftsstaaten waren Bulgarien, Polen, Rumänien und Griechenland.

Die Autorin berichtet als freie Korrespondentin aus dem Irak.

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