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Aufgekehrt
Eva Bräth
Wir sind Kratzputz!

Es sind verwirrende Zeiten. Eine Krise jagt den nächsten Skandal, nichts ist mehr wie früher. Und wäre das nicht kompliziert genug, besteht jetzt auch noch die konsensfähige Kultur in Deutschland aus mehr als zehn Thesen. 34 Traditionen haben der Prüfung der Deutschen Unesco-Kommission standgehalten und es nun in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes geschafft. Darunter etwa Skat spielen, Poetry-Slam, die Tölzer Leonhardifahrt und - wer kennt ihn nicht? - den innerstädtischen Erwerbsgartenbau in Bamberg. Die Liste zeigt: Deutschland - dahinter verbergen sich vielfältige Parallelgesellschaften aus Spitzenklöpplern, Tonnenabschlägern und historischen Schwerttänzern.

Warum schöpfen die politischen Entscheidungsträger nicht stärker aus dem Arsenal lokaler Fertigkeiten? Da streiten sich die Unionsparteien monatelang um Außen- und Obergrenze und keiner bittet die bayerischen Feldgeschworenen um Streitbeilegung. Vielleicht hätte auch traditioneller Kalkmörtel oder hessischer Kratzputz geholfen, um Risse zu überdecken. Stattdessen gab es regionales Mundarttheater, bis sogar die Kanzlerin die Tradition der Bierzeltrede außenpolitisch entdeckte.

Aber es gibt auch die, die Bräuche pflegen: So tingelt Martin Schulz mit einem Gerechtigkeits-Slam zu den Posaunenchören und Brunnenfesten der Republik. Und der angehende Kabarettist Peer Steinbrück macht ihn gleichzeitig ungefragt zum Protagonisten eines Laienstücks, das angeblich den Titel "Wer hat mich verraten?" tragen soll. Parteianhänger hoffen nun, dass die Führung die Schach-Tradition in Ströbeck nicht nur für die Personalrochade nutzt, sondern auch zum Mattsetzen.Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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