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Ortstermin: Planspiel »Jugend und Parlament«
Laura Heyer
Potentielle Lammert-Nachfolger

Wenn der Präsident kommt, stehen alle auf - das sitzt. "Nehmen sie doch bitte Platz - die Sitzung wurde ja nicht einmal unterbrochen", sagt Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Der Präsident steht vor vollem Haus, ungewöhnlich für einen Dienstag in der Sitzungswoche. Denn sonst finden Beratungen im Bundestagsplenum von mittwochs bis freitags statt. Doch zu Beginn der 22. Sitzungswoche ist alles anders: 313 Jugendliche aus ganz Deutschland bilden ein eigenes Parlament

Beim Planspiel "Jugend und Parlament" schlüpfen die 16- bis 20-Jährigen in die Rolle von fiktiven Bundestagsabgeordneten und simulieren vier Gesetzinitiativen: von der Beratung im Ausschuss bis zur zweiten und dritten Lesung im Plenum. Damit sollen sie die Arbeit des Parlaments besser kennenlernen.

"In den letzten zwei Nächten habe ich insgesamt acht Stunden geschlafen", sagt Louisa. "Das kommt dem wahren Leben als Fraktionsvorsitzende wohl sehr nah." In ihrer Rolle als Johanna Seefeld ist die Schülerin zusammen mit einem Parteikollegen zur Vorsitzenden der Partei für Gerechtigkeit und Demokratie (PGS) gewählt worden, einer der drei im Parlament vertretenen Fraktionen. Seit Samstag schwindet auch die Stimme der 18-Jährigen: Schließlich wollen mehr als hundert Abgeordnete in der Fraktionssitzung zur Raison gebracht werden.

Viele Teilnehmer engagieren sich schon jetzt zuhause ehrenamtlich in der Kommunalpolitik, so wie der 17-jährige Max: "Ob ich so was später mal beruflich machen will, kann ich noch nicht sagen. Aber Jugend und Parlament ist auf jeden Fall eine gute Übung." Vorne am Rednerpult des Plenarsaals wurde dementsprechend eindringlich appelliert, kritisiert und widerlegt. Stundenlang hatten die Fraktionen im Vorfeld diskutiert und beraten, über Themen wie die Einführung der direkten Demokratie oder die Entsendung von Soldaten in einen Bundeswehreinsatz.

"Besonders Spaß gemacht hat mir, andere Meinungen zuzulassen und sich auf andere einzulassen", sagte die 18-jährige Leonie. Das mussten auch die "echten" Politiker: Warum darf man erst ab 18 Jahren wählen? Wie integrieren wir Flüchtlinge und sollten Jugendliche auf Landeslisten bevorzugt werden? Das waren nur einige Fragen in einer abschließenden Podiumsdiskussion mit Anton Hofreiter (Bündnis 90/Die Grünen), Dietmar Bartsch (Die Linke), Carola Reimann (SPD) und Michael Kretschmer (CDU).

"Wer in einem politischen System etwas bewegen will, muss Zeit, Kraft und Engagement investieren", sagt auch Lammert zum Abschluss. Besonders das Votum der Briten zum Austritt aus der Europäischen Union habe gezeigt, welchen Einfluss die Stimme von jungen Menschen habe. Dort war ein Großteil der 18- bis 24-Jährigen nicht zur Wahl gegangen. "Jeder, der sagt, er habe nichts mit Politik zu tun, überlässt es anderen, darüber zu entscheiden", sagt Lammert. Und ein Jobangebot hat der Präsident auch: "Mein Platz wird in absehbarer Zeit frei. Vielleicht motiviert das ja jemanden."Laura Heyer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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