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Karl-Otto Sattler
Kurz notiert

Nicht alle Schaubilder, Karten und Graphiken sind auf Anhieb leicht zu verstehen. Doch die Mühe lohnt sich: Dina Ionesco, Daria Mokhnacheva und Francois Gemenne lenken nicht nur mit trockenen Analysen, sondern vor allem mit Hilfe vieler Illustrationen den Blick auf jene Wanderungsbewegungen, die in Zerstörungen der Umwelt wurzeln. Klimawandel, schmelzende Gletscher, Hurricane, Rekordhitze, steigende Meeresspiegel und Dürreperioden - die ökologische Zeitenwende ist in aller Munde. Indes werden die dadurch ausgelösten Flüchtlingsströme kaum wahrgenommen. Da wollen die Autoren, Experten bei der Internationalen Organisation für Migration, ein Zeichen setzen.

Liegt politische Verfolgung vor oder nicht? Handelt es sich um Bürgerkriegsflüchtlinge oder nicht? Mit diesen Kernfragen der Flüchtlingspolitik ist Umweltmigration nicht zu fassen. Wer sich vor Erdbeben, Überflutungen oder Vulkanausbrüchen davonmacht, wird nach der Genfer Konvention gar nicht als Flüchtling anerkannt, so eine überraschende Erkenntnis aus der Fülle von Fakten in diesem Buch. Suchen Leidtragende ökologischer Schäden das Weite, so muss dies keineswegs so turbulent verlaufen wie der Ansturm von Flüchtlingen in die Bundesrepublik 2015: Die langsame Ausbreitung von Wüsten etwa kann auch in eine Abwanderung münden, die sich schrittweise hinzieht.

Niemand weiß genau, wie viele Opfer von Öko-Katastrophen ihre Heimat verlassen werden. Zahlen würden manchmal "aufgebläht und manipuliert", kritisieren die Autoren. Sie weisen aber darauf hin, dass man in der internationalen Debatte inzwischen von 200 Millionen Migranten bis 2050 ausgeht. Bereits heute spielen sich Dramen ab. Die Austrocknung des Aralsees bedroht die Existenz der Fischer. In Mosambik und Peru wurden Überschwemmungsopfer in großem Stil umgesiedelt. Nach dem Erdbeben 2010 wanderten 100.000 Haitianer nach Südamerika aus. Wer dieses Buch liest, kann den Kopf nicht mehr in den Sand stecken.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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