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GESUNDHEIT
Claus Peter Kosfeld
Auswege aus der Lebenskrise

Die Suizidprävention soll gestärkt werden. Fraktionen wollen bessere und schnellere Hilfen für gefährdete Menschen

Die Fälle sind allesamt schockierend, die Zahlen sind es auch. In Deutschland nehmen sich jedes Jahr rund 10.000 Menschen das Leben, darunter Jugendliche, junge Erwachsene und auch viele alte Leute. Experten schätzen die Zahl der Suizidversuche sogar auf 100.000 pro Jahr. Hinter jedem Fall steckt ein Drama, oft auch eine psychische Erkrankung.

Der Bundestag hat nun vergangene Woche über dieses heikle Thema debattiert und einen gemeinsamen Antrag (18/12782) der drei Fraktionen von CDU/CSU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen verabschiedet mit dem Ziel, die Suizidprävention zu stärken. Es müssten weitere Anstrengungen unternommen werden, um Suizide und Suizidversuche zu verhindern und betroffenen Menschen und Angehörigen frühzeitig Auswege, etwa in Form einer Therapie, aufzuzeigen, heißt es in dem Antrag.

Nach aktuellen Forschungsergebnissen hätten mehr als 90 Prozent der Selbstmörder an einer psychischen Erkrankung gelitten, mehr als 80 Prozent der Opfer seien nicht behandelt worden. Um Suiziden entgegenzuwirken, benötigten Menschen in psychischen Krisen niedrigschwellige und schnelle Hilfe.

Wie es in dem Antrag weiter heißt, leben in Deutschland mindestens 1,5 Millionen Kinder, deren Eltern an einer Psychose oder schweren Depression leiden oder alkohol- beziehungsweise drogenabhängig sind. Hinzu kämen Kinder, deren Eltern unter Angst-, Zwangs und Persönlichkeitsstörungen litten. Die Kinder hätten durch ihre familiäre Situation ein erhöhtes Risiko, selbst psychische Störungen zu entwickeln. In der Altersgruppe der 15 bis 29-Jährigen stelle der Suizid eine der häufigsten Todesursachen dar. Der Suizid stehe an zweiter Stelle der Todesursachen junger Männer zwischen 18 und 25 Jahren.

Die Abgeordneten sprechen sich in dem Antrag dafür aus, offener über psychische Erkrankungen zu reden und Aufklärungskampagnen zu unterstützen, Möglichkeiten der Prävention zu stärken sowie auch die Forschung zu diesem Thema zu fördern.

In der Aussprache sagte Rudolf Henke (CDU), die Menschen könnten nicht vor den zahlreichen möglichen Lebenskrisen verschont werden. Aber jeder Mensch brauche einen anderen Menschen, den er auf Probleme ansprechen könne. Jeder einzelne Suizid sei einer zu viel. Auch Hubert Hüppe (CDU) sagte, es sei möglich und richtig, sich gefährdeten Menschen zuzuwenden. Wichtig sei zudem die Möglichkeit, sich anonym an Hilfseinrichtungen wenden zu können. Helga Kühn-Mengel (SPD) sprach von einem ernsten, traurigen und wichtigen Thema. Die meisten Betroffenen wollten gar nicht sterben, aber so auch nicht mehr weiter leben. Sie fügte hinzu, nicht immer sei der Suizid Ausdruck einer psychischen Erkrankung, aber immer Ausdruck einer seelischen Krise. Sie forderte auch geschlechtsspezifische und gruppenspezifische Angebote. So begingen auch lesbische Mädchen öfter Selbstmord. Für die Grünen-Fraktion sagte Maria Klein-Schmeink, das Thema Suizid sei mit Tabus, Vorurteilen, Ängsten und Scham belegt. Menschen bräuchten Hilfe, wenn sich eine Lebenskrise zuspitze und ausweglos erscheine. Auch die Linksfraktion sieht dringenden Handlungsbedarf, wie Birgit Wöllert betonte. Im Antrag würden aber wichtige Punkte nicht erwähnt. Eine Gesellschaft, in der ein Klima der Anerkennung und Achtung herrsche, nicht der Ausgrenzung und der Angst, biete alle Voraussetzungen für eine wirksame Suizidprävention. Dieser Aspekt komme zu kurz.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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