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Parlamentarisches Profil
Winfried Dolderer
Der Außenpolitiker: Jürgen Hardt

Es ist immer wieder eine Abwägungsfrage: "Was wollen wir uns zumuten? Was ist gut für unser Land?" Das sei, meint Jürgen Hardt, der "Zwiespalt", mit dem jeder zurechtkommen muss, der auf dem Feld der internationalen Beziehungen unterwegs ist. Dass die Bundesregierung zu lange gezögert hätte mit der Entscheidung, die deutsche Luftwaffe aus dem türkischen Incirlik abzuziehen, möchte der Außenpolitische Sprecher der Unions-Fraktion ihr deswegen ausdrücklich nicht nachsagen. Keine Frage, eine Zumutung ist das Benehmen des türkischen Präsidenten seit langem. Indes: "Ich finde", meint Hardt, "dass wir sehr sorgsam sein müssen, wenn wir mit einem Nato-Partner einen solchen Streit haben."

Es gibt zwei Konstanten im politischen Leben des heute 54-jährigen gebürtigen Südhessen, der seit 2009 den nordrhein-westfälischen Wahlkreis Solingen-Remscheid-Wuppertal II im Bundestag vertritt. Die eine ist die Beheimatung in der CDU. Hardt trat als 18-jähriger Schüler in seinem damaligen Wohnort Eppstein am Südrand des Taunus ein. Der Ortschef, der den jungen Mann über das Innenleben der Partei unterrichtete und ihn bald in seinen Vorstand beförderte, war Friedhelm Ost, ZDF-Wirtschaftsredakteur, später Regierungssprecher Helmut Kohls.

Hardts Laufbahn in der Welt der Christdemokratie führte ihn 1987 für zwei Jahre in das Amt des Bundesvorsitzenden der Unions-Studentenorganisation RCDS: "Ich freute mich sehr über das Telegramm Helmut Kohls, der mich in den Bundesvorstand der CDU einlud." Er studierte damals Volkswirtschaft in Heidelberg und Köln. Einige Jahre arbeitete Hardt auch in der noch in Bonn ansässigen Parteizentrale, zuletzt als Büroleiter des Generalsekretärs Peter Hintze.

Die zweite Konstante ist seine Neigung zu Fragen der Verteidigungs- und Außenpolitik. Auch sie wurzelt tief in Hardts Biografie. "Herz und Verstand" für Belange der Bundeswehr und Sicherheitsthemen erwarb er während seiner vierjährigen Dienstzeit bei der Marine in Wilhemshaven, die er als Oberleutnant zur See beendete. Es war eine kalkulierte Entscheidung des jungen Wehrpflichtigen: "Wenn zur Bundeswehr, dann richtig was sehen von der Welt." Verweigern mochte Hardt nicht, aber sich auch nicht langweilen. Er wurde nicht enttäuscht. War mit der Fregatte "Augsburg" mehrfach im Mittelmeer unterwegs. Kam mit dem Schulschiff "Deutschland" bis nach Südostasien. Schipperte in norwegischen und britischen Gewässern.

Für Europapolitik begann sich Hardt als RCDS-Chef zu interessieren, "angestiftet durch Kohl". Es waren die Jahre, in denen das Austauschprogramm "Erasmus" in den Startlöchern stand und Europa zur Herzenssache unternehmungslustiger Studenten werden ließ. Eine Zeitlang war Hardt auch als Referent in der Arbeitsgruppe Europapolitik der Bundestagsfraktion tätig. In seiner ersten Legislaturperiode als Abgeordneter gehörte er gleichzeitig dem Verteidigungs- und dem Europaausschuss an.

Seit 2014 ist er zudem Koordinator für die Transatlantische Zusammenarbeit im Auswärtigen Amt. Wer macht ihm die größeren Sorgen, Donald Trump oder Recep Tayyip Erdogan? "Beide Herausforderungen sind sportlich, aber wir können sie meistern." Das Problem mit Erdogan ist aus Hardts Sicht, dass wir genau wissen, was er will, nämlich weg von Europa und europäischen Verhaltensnormen: "Er lebt davon, dass er den Konflikt mit dem westlichen Europa schürt." Hardt sieht darin ein völlig rationales Kalkül.

Das Problem mit Trump sei, dass wir bisher nur ahnen könnten, was er will. "Es gibt Anzeichen dafür, dass Trump in wichtigen Politikbereichen auch auf Argumente des Auslandes, insbesondere Deutschlands und Europas, hört" - immerhin. Im übrigen fehle es keineswegs an transatlantischem Austausch. Die Frage sei neuerdings nur, "ob wir selbstverständlich davon ausgehen können, dass wir in allen Dingen die gleiche Sprache sprechen und von einem gleichen Verständnis der Sachverhalte ausgehen".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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