Inhalt

Gastkommentare - Contra
Jörg Kirschner, freier Journalist
Überstürztes Votum

Überfällige Entscheidung?

Überfällig war der Beschluss zur "Ehe für alle" keinesfalls. Die Entscheidung des Parlaments ist vielmehr überstürzt gefallen, taktischen Wahlkampfüberlegungen geschuldet. Überstürzt, weil eine so grundsätzliche Frage eine ausführliche Debatte verdient hätte und nicht im Hauruckverfahren durchgepeitscht gehört. Denn es ist zumindest zweifelhaft, ob das Gesetz vereinbar ist mit der Verfassung. Diese bestimmt in Artikel 6: "Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung." Unter einer Ehe versteht man seit Jahrhunderten den Lebensbund zwischen Mann und Frau, der neues Leben stiftet. Schwule und Lesben können dies nicht. Deshalb sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht privilegiert.

Nach dem neuen Gesetz sollen Homosexuelle gleichwohl heiraten und gemeinsam Kinder adoptieren können. Eine Heirat war bisher ausgeschlossen, eine eingeschränkte Adoption dagegen nicht. Seit 2013 ist die Mitadoption eines vom Lebenspartner bereits adoptierten Kindes zulässig. Diese vom Bundesverfassungsgericht gebilligte Sukzessivadoption zeigt den gesellschaftlichen Wandel. Kein Zweifel, die Akzeptanz der Homoehe ist gestiegen, auch weil diese etwa im Renten- oder im Erbrecht längst der traditionellen Ehe gleichgestellt ist. Im Grunde geht es nur noch um den Begriff Ehe. Dieser sollte dem Bund von Mann und Frau vorbehalten bleiben, der den Fortbestand des Staates sichert. Und eine weitere Begrifflichkeit ist klarzustellen. Kommt mit der "Ehe für alle" auch die Mehrehe oder Geschwisterehe? Soll etwa am Inzesttabu gerüttelt werden? Nach dem Motto "Anything goes". Auch deshalb ein klares Nein zur Auflösung des Ehebegriffs.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag