Inhalt

Ortstermin: Der Andachtsraum des Reichstages
Pia Jaeger
Beten im Bundestag

Still ist es im Andachtsraum des Deutschen Bundestages. Nur das leise Rascheln einer Besuchergruppe ist zu hören. Die Gäste betrachten den Granitaltar in der Mitte des Raumes, auf dem ein unbefestigtes Holzkreuz liegt. Manche setzen sich auf einen der 24 hellen Holzstühle mit den hohen Lehnen und lassen die sieben Holztafeln an den Wänden, die mit Sand, Asche, Steinen und Nägeln bedeckt sind, auf sich wirken. Gestaltet wurde der Raum vom Düsseldorfer Künstler Günther Uecker. Es ist ein überkonfessioneller Gebetsraum: Das Kreuz auf dem Altar kann zur Seite gelegt werden; eine Kante im Boden weist in Richtung Osten und im Vorraum liegen Gebetsteppiche bereit.

Joachim Ochel, Oberkirchenrat beim Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, ist oft im Andachtsraum. Er hält hier in Zusammenarbeit mit den katholischen Kollegen regelmäßig Andachten während der Sitzungswochen, jeden Donnerstag- und Freitagmorgen. Für ihn haben die Andachten fast einen symbolträchtigen Charakter, weil "man am Ort, wo das Wort zählt, vorher gemeinsam auf Gottes Wort hört", erklärt Ochel. Es kämen Abgeordnete aller Fraktionen, ihre Mitarbeiter und Verwaltungsangestellte. Je nach Tagesgeschäft seien es 20 bis 30 Personen. Viele Abgeordnete brächten sich selbst ein, indem sie den Redeteil einer Andacht übernähmen. "Wir machen Vorschläge zur Lieder- und Psalmauswahl und der Abgeordnete spricht über ein selbstgewähltes Thema", erklärt Ochel. Zu Beginn der Legislaturperiode sowie zur Bundesversammlung finden zusätzliche ökumenische Gottesdienste statt.

Der Oberkirchenrat ist außerdem seelsorgerisch tätig. Wichtig ist ihm dabei, dass im Umgang mit den Abgeordneten deutlich werde, dass er an deren Person und nicht an der Funktion interessiert sei. "Natürlich müssen wir auch institutionelle Interessen vertreten, aber wir machen keine Seelsorge, um politische Vorteile daraus zu ziehen. Es geht uns wirklich nur um den Menschen", betont Ochel.

Doch nicht nur die Kirchen unterstützen die Abgeordneten dabei, ihre Religion im Bundestag zu leben. Die Abgeordneten kümmern sich auch selbst darum. So organisieren Volkmar Klein (CDU), Friedrich Ostendorff (Bündnis 90/Die Grünen) und Dietmar Nietan (SPD) ein Gebetsfrühstück für alle Abgeordneten, die Interesse daran haben. "Es findet immer freitagmorgens in der Parlamentarischen Gesellschaft während der Sitzungswochen statt", sagt Klein. So könne man auf einer anderen Ebene miteinander im Gespräch sein. Die Hektik der Woche werde einen Moment ausgeblendet.

"Unser Leitspruch ist die Verantwortung vor Gott und den Menschen", sagt Ostendorff. Mit dem Gebetsfrühstück wolle man Brücken bauen zwischen Leuten, die sonst eher wenig miteinander reden. Die drei Organisatoren moderieren das Gebetsfrühstück abwechselnd und bitten immer einen Abgeordneten, einen fünfminütigen Impuls zu geben, beispielsweise zu einem Bibelvers. "Da wird dann in einer freundlichen und persönlichen Atmosphäre drüber geredet", erläutert Ostendorff. "Und die Dienstkleidung wird vorher an der Garderobe abgelegt."Pia Jaeger

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag