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Gastkommentare - Pro
Markus Decker, DuMont-Hauptstadtredaktion
Ein Anachronismus

Staat und Kirche strikt trennen?

Die beklagenswerte Entkirchlichung Deutschlands lässt sich in diesen Zeiten immer wieder aufs Neue beobachten. Die Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers beispielsweise, die sich 2017 zum 500. Mal jährt, firmiert nicht mehr als Reformationstag, sondern als Halloween. Dabei legten die Thesen den Grundstein des Protestantismus. Als der Stadtrat im tiefkatholischen Münster, wo es bekanntlich regnet oder die Glocken läuten, kürzlich Geld für den Katholikentag bewilligen sollte, da sagte er Nein. Die Beziehungen zu den Muslimen gestalten sich überdies auch deshalb so schwierig, weil den Deutschen das Gefühl für Religiöses abhandenkommt. Wem Jesus Christus fremd ist, dem ist es Mohammed erst recht.

Das Einziehen von Kirchensteuern durch staatliche Finanzämter wird daher ebenso zum Anachronismus wie die automatische Repräsentanz kirchlicher Vertreter in Rundfunkräten, der Religionsunterricht an staatlichen Schulen oder die Absicherung kirchlicher als gesetzlicher Feiertage. Die Privilegien der Kirchen schaden ihnen ohnehin mehr, als dass sie ihnen nutzen. Denn sie werden als unverdient wahrgenommen. Die Privilegien der Bürger wiederum wie der arbeitsfreie Ostermontag werden gar nicht mehr im religiösen Kontext begriffen, sondern als Besitzstand.

Der frühere Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Bockenförde prägte den weisen Satz: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Das bezog sich auch auf jene Werte, die dem Christentum innewohnen und die es reproduziert. Der zunehmend religiöse Verfall dieser Republik spricht aber längst eine andere Sprache. Man wird ihn von Staats wegen nicht aufhalten können.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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